Brigitte aus NRW, 64, alleinlebend, Bibliotheksassistentin im Unruhestand, Reisefan und Hobbyfotografin, die auch gerne schreibt

Die „Hauszeit“ hat Auszeit…

…dieser Gedanke geht mir durch den Kopf während ich vor dem Schaufenster des kleinen Ladens mit Geschenkartikeln und Wohnaccessoires die hübschen Auslagen betrachte. Die „Hauszeit“ ist coronabedingt schon seit Wochen geschlossen und steht als Beispiel für eine Situation, die es in meinem Leben bisher nicht gab.

Außer mir ist kaum ein Mensch auf der Straße. Fast alle Geschäfte sind geschlossen. Nur vor den Supermärkten und Drogerieketten stehen maskierte Menschen mit weitem Abstand voneinander in der Warteschlange. Männer in dunklen Jacken mit der Aufschrift „Security“ bewachen die Eingänge und lassen nur eine geringe Anzahl Kundinnen und Kunden in die Läden. Die Betreiber der Cafés und Restaurants haben Tische und Stühle übereinander gestapelt und mit Ketten zusammen gebunden. Schulen, Kitas, Universitäten, Museen und alle anderen öffentlichen Einrichtungen sind geschlossen. Industriebetriebe haben ihre Produktion herunter gefahren und schicken ihre Angestellten ins Homeoffice, Friseure und andere Dienstleister arbeiten gar nicht mehr. Deutschland liegt im Koma. Das hochansteckende und tödliche Virus hat aber nicht nur Deutschland fest im Griff. Es ist im Laufschritt um die Welt gereist, ohne dass wir das bemerkt hätten und die Zahlen der Erkrankten und Todesfälle steigen rasant Tag für Tag.

Durch Kontaktverbote und das Tragen von Masken versuchen die Menschen, den Anstieg der Infizierten und Toten zu verringern. Krankenhäuser sind überlastet. Leichen werden in Kühlanhängern von LKW’s vor den Kliniken gelagert und Beerdigungsinstitute heben Massengräber aus, weil sie nicht genügend Grabstellen zur Verfügung haben. Viele Menschen sterben ohne ihre Angehörigen, denen der Zutritt zu Krankenhäusern und Pflegeheimen wegen der Ansteckungsgefahr nicht erlaubt ist. Die Situation gleicht einem Science Fiction Film, aber sie ist die tägliche Wahrheit.

Auch mein Leben ist im Lockdown – und das zu einer Zeit, in der ein neuer aufregender Lebensabschnitt beginnen sollte. Nach vielen Jahren Berufstätigkeit, Fremdbestimmtsein und stressigen Arbeitstagen bin ich endlich im Ruhestand angekommen. Und nun? Alle Pläne für viele schöne und interessante Aktivitäten stehen auf Storno. Umdenken ist angesagt: ich muss mich zu Hause selber aushalten. Kontakte sind überwiegend über WhatsApp, Zoom und Telefon möglich. In meiner Wohnung sind inzwischen alle Schmuddelecken aufgeräumt, shoppen ist auf den Supermarkt reduziert, kein Café, kein Kino, kein Theater…

Nach der ersten Schockstarre entsteht irgendwann auch im Lockdown ein Leben. Nach und nach scheinen kleine Lichtblicke: es gibt so spannende Bücher, mit denen ich mich in eine andere Welt beamen kann. Gymnastik geht auch online, sogar mit anderen in der Gruppe. Theater und Kunst gibt es tatsächlich auch im Freien. Mein Auto ist virenfreie Zone und bringt mich dazu, in kleinen Ausflügen meine Heimat neu zu entdecken. Die Natur ist nicht im Lockdown und die Sonne lädt zu Spaziergängen ein. Am frühen Morgen ist es noch ein wenig frisch und die sattgrüne Wiese trägt einen Schleier aus Tau. Ein Orchester aus Vogelstimmen begrüßt mit mir den Tag. Überall sprießen zarte Blüten und geheimnisvolle Knospen. Aus einigen schauen schon kleine Blätter heraus – Aufbruchstimmung.

Es wird Zeit, zu einem „normalen“ Leben zurück zu kehren. Aber was heißt „normal“? Wird das Leben so sein wie vor Corona? Werden wir weiter mit vielen Einschränkungen leben müssen? Wann wird die „Hauszeit“ ihre Türen wieder öffnen? Hoffentlich wird es den kleinen Laden nach Corona überhaupt noch geben…