Das wurde aber auch langsam Zeit. Endlich, endlich haben die Geschäfte wieder geöffnet. Seit einer halben Ewigkeit sind die Innenstädte ziemlich leer und nur in den Supermärkten drängeln sich die Menschen. Dabei brauche ich gar nicht so viele Lebensmittel. Viel mehr benötige ich dringend ein neues Outfit. Corona hat mir die Pfunde auf die Hüften und auf die Waage geschaufelt. Meine Hosen kneifen und die Oberteile sitzen eng wie die Pelle einer Fleischwurst. Ich fühle mich nicht mehr wohl, will gar nicht aus dem Haus, was mir noch mehr Pfunde beschert. Ich muss dringend etwas tun, damit ich den Corona-Speck wieder loswerde. Bloß wie? Sport mit anderen ist ja auch nicht möglich und alleine zu Hause? Da schaut mich der innere Schweinehund freundlich an, während ich auf der Couch vor dem Fernseher hocke. Schluss damit. Seit 3 Wochen sporte ich online – besser als gar nicht.
Trotzdem brauche ich dringend ein paar neue Klamotten, habe ich doch während des Lockdowns meinen Kleiderschrank ordentlich ausgemistet – nun fehlt das eine oder andere Teil. Also muss ich dringend einkaufen, aber nicht im Onlineshop. Ich möchte die neuen Sachen mit meinen eigenen Augen sehen, sie anfassen und anprobieren und dann in Ruhe aussuchen und nicht Rücksendepakete packen, wenn die gelieferte Ware mir nicht gefällt oder nicht passt.
Meine Freude über die geöffneten Geschäfte bekommt einen Dämpfer als ich erfahre, dass Einkäufe nur mit Termin erlaubt sind, weil die Inzidenz (ein neues Wort in meinem Wortschatz!) es anders nicht erlaubt. Einkaufen mit Termin? Wer hat sich denn das ausgedacht und wie soll das praktisch funktionieren? Ich beschließe, in die Stadt zu fahren und mir den Termineinkauf mal anzusehen.
In der Fußgängerzone sind auf den ersten Blick nicht mehr Menschen unterwegs als in den letzten Wochen. Einige Händler haben ihre Freude über die Öffnung in ihre Schaufenster gehängt und vor die Türen gestellt. Riesige Plakate begrüßen die Kundinnen und Kunden: „Wir sind zurück! Herzlich willkommen zu Ihrem Einkauf!“ steht dort in bunten Buchstaben, geschmückt mit roten Herzen und Blumen. Daneben – etwas kleiner – die Bitte um Terminvereinbarung und die Telefonnummer. Einige kleinere Geschäfte vergeben anscheinend keine Termine. Die Verkäuferinnen regeln den Zugang an der Tür über die Anzahl der Personen. Es dürfen je nach Größe des Ladenlokals nur 1 oder 2 Kunden hinein.
An den größeren Geschäften wird um Terminbuchung mit „Click and Meet“ gebeten. Was zum Teufel bedeutet das nun wieder? Um festzustellen was sich dahinter verbirgt, muss ich an einer Straßenecke mit Hilfe meines Handys erstmal Goggle befragen, was das bedeutet und erfahre dann Unglaubliches: Um in das Geschäft zu kommen muss ich telefonisch oder online mit meinen persönlichen Daten ein vom Händler eingerichtetes Zeitfenster von 30, 60 oder 90 Minuten buchen. Bevor ich den Laden betrete, werden dann am Eingang meine gebuchten Daten abgeglichen und der Eintritt registriert. Bin ich nicht rechtzeitig nach Ende des Zeitfensters am Ausgang, kann es passieren, dass ich über Lautsprecher dazu aufgefordert werde, den Ort zu verlassen. Aber das ist noch nicht alles. Zusammen einkaufen dürfen nur die Personen eines Haushaltes und die Umkleidekabinen sind aus hygienischen Gründen geschlossen.
Frustriert stecke ich das Handy in die Jackentasche. Das hat für mich nichts mehr mit einem gemütlichen Einkaufsbummel zu tun. Ich möchte gerne spontan – vielleicht auch mit einer Freundin – in unterschiedliche Geschäfte gehen, hier und dort das Angebot ansehen und vielleicht zwischendurch auch mal einen Kaffee trinken. Für viele Händler sind diese Einschränkungen, der Mehraufwand für das Desinfizieren und für andere Auflagen wahrscheinlich auch keine Option. Sie leben davon, dass Menschen in ihrem Geschäft eine gute Zeit verbringen und dass sie sich wohl fühlen. Weil sich das Modell nicht rechnet, öffnen sie gar nicht erst.
Auf dem Heimweg komme ich an der Filiale einer Drogeriemarktkette vorbei. Hier gehen die Kundinnen und Kunden munter hinein und hinaus während sich an der geschlossenen Tür meiner Lieblingsboutique direkt gegenüber einige Kundinnen mit Hilfe eines ausgehängten Zettels über freie Termine informieren. Das ist schon eine merkwürdige Regelung und das ist ungerecht. Ich schließe einen Deal mit mir selbst. Ab sofort werde ich meine sportlichen Aktivitäten verstärken und gesünder essen. Dann finde ich bestimmt bald auch wieder ein paar passende Teile in meinem Kleiderschrank.