Was in mir ist müde?
Es ist mein Geist, der müde und vollgesogen ist: aktuelle Nachrichten, ums Virusthema habe ich satt und das schon seit geraumer Zeit. Es lähmt mich, lässt mich erstarren – ich will Ruhe finden. In mir wühlt sie sich jedoch auf: die Unsicherheit, Nichtplanbarkeit, das Eingesperrt sein, nicht raus können. Klar kann ich raus, die Wege, die ich schon in- und auswendig kenne, verkehrtherum beschreiten. Aber es fehlt an Weite. Die Weite, die sich vor mir, in mir auftut – in einer sich verlierenden Ebene. Weite, welche die große Bergkette der Beschränktheit hinter sich lässt, aus meinem Horizont verscheucht. Einfach wieder einmal unbeschwert über die nahe Grenze fahren zu können, eine Fahrt ins Blaue genießen oder mich dorthin treiben lassen, wohin die Nase, wo es Luft zu atmen gibt. All dies ist undenkbar.
Wo fängt mein Wachsein an?
Es beginnt in meinem Kopf, nennt sich Hoffnung, Zuversicht. Sie zeigen mir wie ich Müdigkeit überwinden kann. Meine Wachheit wird genährt von der Neugierde, die stets einen Funken bereithält, der mich anspringen lässt, das Starre verdrängt.
Hilft mir die Müdigkeit wach zu sein?
In gewisser Weise treibt sie mich an, versucht meinem Stehaufweibchen Beine zu machen. Sie facht das Ideenfeuer an, bremst sich nicht ein in ihrem Reichtum an Möglichkeiten. Klar, es geschieht auch umgekehrt, zu viel Wachheit birgt ein diffuses Pläneschmieden ins schier Unermessliche, dieses und jenes möchte ausprobiert bzw. vollbracht werden.
Nun klopft der Frühling an, es beginnt zu keimen, zu sprießen, zu blühen. Meine Sinne werden belebt, die Nase betört, das Leben duftet und vertreibt den Alltagsmief aus den Winterecken und -ritzen. Licht verdrängt die Dunkelheit nicht nur draußen, sondern auch in meinem Innenreich. Mein gutes Leben kann gelingen, wenn mein Herz aufblüht, berührt wird von der Mannigfaltigkeit der Natur. In mir geschieht zusehends eine Versöhnung zwischen Müdigkeit und Wachheit. Die Eine kann ohne die Andere nicht sein, sie bedingen einander, bilden ein Paar, eine Einheit. Ich versuche den Ausgleich zu finden und stabilisiere ihn. Nicht die Dominanz eines Gegensatzes sondern ein ausgewogenes Miteinander lässt in mir Frühling werden. Mögliches darf wachsen, Unwillkommenes verblühen.