Maisonne, 61 Jahre; verheiratet, drei erwachsene Kinder, wohnhaft in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, Verwaltungsangestellte, die es liebt, kreativ zu sein

Juhuu, der Gutschein ist da!

Ein Vögelchen brachte ihn am Vorabend. Es legte ihn vor der Haustür ab.
Ich weiß nicht, ob es Zufall war. Oder ein göttlicher Plan, dass ich die Haustür öffnete, um die Blumen zu gießen. Jedenfalls fand ich den Brief. Ich sah dem Friedensbringer noch bei seinem Abflug zu. „Danke Dir.“
Ich nahm ihn auf. Das Papier des Umschlags war grün. Grün wie die Hoffnung. Wie lange hoffte ich bereits auf diesen Tag? Ein Jahr. Ich öffnete den Umschlag. Dann las ich. Beim Lesen liefen mir Tränen die Wangen herab. Die Augen lächelten. Ich fing an, in die Luft zu springen. Drei Mal. Ja, ja, ja. „Morgen habe ich frei.“

Ich goss die Blumen, schloss die Haustür und machte mich bettfertig. Nachdem ich den Wecker gestellt hatte, löschte ich das Licht. Mein „Frei-Tag“ sollte um Mitternacht beginnen.

Der Wecker klingelt. Ich erhebe mich und decke den Frühstückstisch. Es schellt an der Haustür. Nach und nach trudelt die Familie ein. Mit 24 Leuten sitzen wir zusammen. „Was für eine tolle Idee!“, ruft mein Sohn. Wir singen: „Im Frühtau zu Berge….“
Nach zwei Stunden klingelt es erneut an der Tür. Ich öffne. An der Straße warten vier Ballons auf uns. Wir klettern in die Körbe und der Fahrer facht das Gas an. Wir starten. Langsam schweben wir gen Morgendämmerung. Die Sonne geht auf. Sie weist uns den Weg nach Süden. Vier Stunden später landen wir bei Frankfurt auf einer Wiese. Wir steigen aus den Körben aus. Unser ältester Sohn mit seiner Familie wartet bereits auf uns. Wir umarmen uns. „Da seid ihr ja.“, rufen sie. Alle weinen.
„An der Straße steht ein Bus.“ Wir spazieren zu ihm und steigen ein. „Und los.“ Unsere Fahrt führt uns nach Marburg. Wir schlendern dort durch die Stadt. Ich bleibe oft vor den alten Häusern stehen. Sie erzählen Geschichten von der Vergangenheit. „Schaut doch!“, rufe ich. „Lauscht doch den Geschichten.“ Ich kann mich kaum sattsehen.

Gegen Mittag wird es Zeit, die Reise fortzusetzen. Es bringt uns der Bus zum Flughafen Frankfurt. Wir verabschieden uns von den Kindern, die zu Hause bleiben. Wieder fließen Tränen. Die Zeit miteinander war zu kurz. Ich bin traurig und freue mich gleichzeitig auf das, was heute noch kommt. Ich habe frei!
Die Gesellschaft steigt in ein Flugzeug ein. Es fliegt mit uns nach Hamburg. Dort läuft sie auseinander. Jeder möchte noch ein paar liebe Menschen treffen und herzen. Alle Menschen haben heute frei.

Wir fahren mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Ich schlendere mit meinem Mann und unserem jüngsten Sohn zur Kunsthalle. Es wird eine Ausstellung von Lyonel Feininger gezeigt. Ich verpasste sie vor ein paar Jahren. Heute erlaube ich mir, etwas nachzuholen. Doch mir ist bewusst, dass nicht alles nachholbar ist, was verboten war. Wir haben uns mit Corona verändert. Wie wäre es ohne Corona? Ich bin nachdenklich.
Die Bilder ziehen an mir vorbei. „In der Zeit des Nationalsozialismus galten Feiningers Werke als entartete Kunst.“ Wir sehen uns an. „Was ist das?“ Diese Frage meines Sohnes ist nicht so einfach zu beantworten. „Es handelt sich um Kunst, die nicht dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten entsprach.“ Wir bleiben stehen. „Die Bilder sind zu abstrakt. Sie zeigen Gefühle durch Farben oder Formen. Das mochten sie nicht.“ Wir schauen uns an. „Sie hatten über die Werke der Künstler  keine Kontrolle. Diese entzogen sich ihrem Weltbild. Das Fremde in ihnen ängstigte sie. Die Gefühle, die die Bilder erzeugten. Die Freiheit zu sein.“ Ich glaube es jedenfalls. „Warum war es ihnen sonst nicht egal, was Künstler malten? Sie träumten doch nur.“ Ich habe im Moment keine andere Antwort. Jeder Mensch träumt hin und wieder. Das passiert alltäglich.
Die Freiheit des Geistes. Ich liebe dieses Geschenk. Es macht meine Welt bunt. Es lässt Träume wahr werden. Wie heute.
Ich gehe ein paar Schritte weiter. „Ist dieser freie Tag entartet?“ Nein. Er gleicht einem Traum, dessen Erfüllung lange ausgeschlossen war. Dem Traum vom Leben in Freiheit. Mir fehlt diese Freiheit. Die Freiheit zu sein. Ich träume heute.

Wir ermüden und setzen uns für ein Abendessen ins Restaurant. Es bietet in der „Neuen Galerie“ der Kunsthalle seine Speisen an. Unser Tisch steht auf der Terrasse. Wir bestellen eine Stulle. Der Kellner bringt sie uns. Mit Blick auf die Alster genießen wir das Schinkenbrot. Wir bezahlen und beenden das Mahl. Dann verabschieden wir uns von unserem Sohn. Er hat noch ein Date. Ich freue mich mit ihm.

Wir suchen unser Auto am Hauptbahnhof. Das stellte unser mittlerer Sohn uns zwischenzeitlich dort bereit. „Da ist es!“, ruft mein Liebster. Er streckt sich und setzt sich dann hinters Steuer. „Wollen wir noch?“ Ich blicke ihn an. „Ja klar, heute haben wir frei. Ich möchte jede Minute davon kosten.“
Wir fahren über die A 7 nach Büdelsdorf zur Nordart. Dort gibt es ein Open Air Abendkonzert. Es leitet die Nacht der Lichter ein.
Als wir ankommen, sind bereits viele Menschen da. Sie lachen, reden und ich schaue in lauter Gesichter ohne Masken. Mein Herz geht weit auf. „Wie lange ist es her, dass wir so frei waren?“ Ich seufze. „Ein Jahr.“ Mein Leben war so arm mit all den Verboten. Ohne die mir liebsten Menschen, die ich umarmen und herzen möchte, so oft ich sie sehe.
Nun sitze ich im Garten der Nordart mit meinem Mann. Es ist dunkel. Musik umschmeichelt uns. Ich lehne mich an meinen Liebsten und schließe für einen Moment die Augen. Mein Herz schlägt im Takt. Ich lächele.
Ich öffne die Lider. Alle Kunstobjekte in der Parkanlage sind beleuchtet. Rot. Grün. Violett. Blau. Silber. Gold. Jedes Werk trägt seine eigene Farbe. Die Welt scheint verzaubert. Wie ich. Wusste ich das schon immer so zu schätzen?

Eine Stunde vor Mitternacht fahren wir heim. „Nicht jeder freie Tag muss so vollgepackt sein, wie dieser.“ Ich träume vor mich hin. Das war ein Herzenstag. „Ich wünsche uns für die Zukunft viele Gutscheintage, die uns den Zauber eines Moments bringen.“ Alles an einem Tag, wie heute, ist mir dann auf Dauer doch zu anstrengend. Ich gähne.

Morgen beginnt wieder ein Tag mit Corona. Es wird mir schwer fallen, ihn anzunehmen. Zu lange schränkt mich die Krankheit schon ein. Ich bin es satt. Der Frei-Tag endet um Mitternacht. Ich bewahre diesen Frei-Tag in meinem Herzen. Auf dass er mir Kraft geben möge.
Und in mir liegt die Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei ist. Ich möchte meine Tage wieder frei planen und meine Lieben herzen und Zeit mit ihnen verbringen. Ohne Maske. Ohne Angst.