Mein liebes Rotkehlchen,
du wunderst dich bestimmt nicht, dass ich dir schreibe. Denn wir beide sind gute, alte Bekannte, wie du ja längst schon weißt. Du hast mich schon immer auf meinen Wegen begleitet.
Welch große Freude hatte ich in kalten, einsamen Wintertagen, wenn ich dich, die Deinen und allgemein die Vielfalt der Vogelwelt füttern konnte, damit ihr die kalte Zeit überstehen konntet.
Korn für Korn hast du aus dem Vogelhäuschen gepickt. Unsere Augen haben sich manchmal nur kurz getroffen und dann ist jeder wieder seiner Wege gegangen bzw. geflogen. Auch heuer im Sommer werden mich dort, wo du ein paar Körnchen verloren hast, wieder die schönsten Sonnenblumen durch die Tage begleiten. Sie wachsen genau dort, wo sie sein sollen.
Du hast einen großen Platz in meinem Herzen, Rotkehlchen, denn du bist nicht nur ein Federtierchen mit dickem Bäuchlein. Nein, nein, du bist viel mehr, du kleiner Seelentröster.
Vor sechs Jahren schon hat mich deine Leichtigkeit durch die Dunkelheit meiner Trauer und auch durch meine Wintereinsamkeit getragen.
Damals, es war der Neujahrstag 2015, weißt du noch? Am 17. Dezember 2014 war meine Mama für immer gegangen. Mein heiß geliebtes, einzigartiges Mütterchen. Es wollte neunzig werden und musste doch acht Jahre früher schon Abschied nehmen. Acht Jahre, die uns beiden und auch anderen wohl getan hätten. Doch es sollte wohl nicht sein. Was mir wesentlich wichtiger erscheint: Wir konnten einander in Frieden loslassen.
Sie war eine Frau, zu der ich früher ein sehr ambivalentes Verhältnis gehabt habe. Ich liebte sie aus tiefster Seele, doch lange Zeit konnte ich einfach nicht begreifen, weshalb sie mich nicht vor der physischen und psychischen Gewalt meines Vaters beschützen konnte, damals, als ich noch Kind gewesen bin. Heute weiß ich, sie hätte selber Hilfe benötigt und doch hat sie mit ihren Möglichkeiten das Mögliche getan. Ich war vierzehn, als ich aus eigener Kraft ausgebrechen konnte aus dieser Spirale unfassbarer Gewalt und siebzehn, als ich meinen Vater erhängt gefunden habe, oben auf dem Dachboden. Der Friede hatte in seinem Gesicht Platz gefunden, doch es sollte Jahrzehnte dauern, bis ich meinen gefunden hatte.
Je schneller meine Jahre fortschreiten, umso dankbarer bin ich meiner Mutter, dieser Frau, die trotz allem ein Anker war, der mich in den Stürmen des Lebens nicht untergehen ließ. Zu unser beider Glück, konnte ich ihr genau dies noch mitteilen, kurz vor ihrem Tod. Dankbar war ich für jedes Buch, das sie für mich aus ihren Ärmeln schüttelte, obwohl wir im wahrsten Sinne des Wortes arm waren, arm wie Kirchenmäuse. In meiner kleinen, heilen Welt in unserem Dachboden, versteckt hinter einem Bretterstapel, damit mein alkoholkranker Vater mich nicht finden konnte, durfte ich dann eintauchen in meine unendlich reiche Fantasie. So war ich Teil der Bücher, war mitten in den Geschichten und konnte dort unter hängenden, alten Spinnweben meine Kreativität entfalten, die mir den Alltag und die Nächte erträglicher machen konnten. Am helllichten Tag begann ich zu träumen und zu schreiben. Sah damals schon vor meinem inneren Auge, wie groß und stark ich werden würde und sah eine kleine Burg am Hang. Oder war es gar ein Schlösschen mit einem Prinzen und vier edlen Kindern? Alles hat sich erfüllt, Rotkehlchen. Alles und noch viel, viel mehr. Und nun, liebe Seelenfreundin, werde ich dir erzählen, weshalb du ein gar so kostbares Wesen für mich geworden bist.
Wenige Wochen vor Mamas Tod, ich war genau zehn Wochen, jeden zweiten Tag für immerhin vierundzwanzig Stunden in ihre Pflege involviert, konnten wir wie schon Tage zuvor endlich über Unausgesprochenes, altes Belastendes sprechen. Nur wir zwei. Weil ich geahnt habe, dass doch Viele unter ihrem Weggang leiden würden, habe ich sie gebeten, uns ein Rotkehlchen zu schicken, wenn sie im geistigen Reich gut angekommen sei. „Hoffentlich vergesse ich es nicht“, hat sie gesagt und ich musste herzhaft lachen. Sie hatte manchmal so spontane, goldige Aussagen.
Einer meiner Bekannten, ein Schamane hatte mir nämlich schon vor Jahren gesagt, dass ein Rotkehlchen ein besonderes Krafttierchen sei. Es künde den Neuanfang, die Transformation, die Veränderung an. So sollte uns also in einer Zeit der Trauer ein Rotkehlchen Mamas Botschaft aus dem Jenseits bringen.
Mein fünfzehn Jahre jüngerer Bruder, meine zwei Nichten und ein Neffe, die sie als Mama und als Oma allein großgezogen hat, weil meine Schwester als junge Frau gestorben war und auch ich begleiteten sie in ihren letzten Stunden.
Wir standen im Halbkreis um Mama und Oma und haben sie in den ewigen Schlaf gesungen. Unvergesslich, wie sich anschließend, nachdem ich und meine Nichte sie würdevoll aufgebahrt hatten, die ganze Familie, unsere Nachbarn und Freunde von ihr verabschieden konnten. Da ist sie gelegen, diese kleine und doch so große Frau mit einem Gesicht wie ein junges Mädchen und mit tiefstem Frieden in ihren Zügen.
Die anschließende Trauer um diesen enormen menschlichen Verlust überdauerte den Jahreswechsel. Am Neujahrstag, es war ein strahlend blauer Kaisertag mit klirrender Kälte, nahm mich mein Mann an der Hand und wir brachen auf zu einer Neujahrswanderung. Wir stapften durch frisch gefallenen Schnee und sprachen über Gott und die Welt. „Hörst du nichts, Anni?“, stoppte mich plötzlich mein Mann. Ich hatte nichts vernommen, war irgendwie bei unserem Gespräch, doch ein anderer Teil in mir war gar nicht anwesend. Meine Seele kam zurück in diesen lichtdurchfluteten Wald und da vernahm ich es auch. Aufgeregtes Schnattern. Meine Füße standen still und meine Augen verfingen sich im Geäst eines blattlosen Strauches direkt neben dem Weg.
Da bist du gesessen, Rotkehlchen, unverkennbar. Du hast uns ein Lied gesungen. Vergelt´s Gott für diese besondere Nachricht. Ich sah nur noch deine Umrisse, so goss es in Strömen von Tränen. Ich fotografierte dich, doch dieses tröstliche Bild hat sich sowieso für immer unvergesslich eingeprägt. Wir setzten unseren Weg fort, Rotkehlchen und du hast uns bestimmt noch zweihundert Meter weiter Baum für Baum, Strauch um Strauch, begleitet. Bis geflogen von Ast zu Ast. Selten hat uns etwas so berührt, Rotkehlchen. Es gibt dermaßen kostbare Augenblicke, die eigentlich unbeschreiblich sind. Sie sind ein Geschenk für diejenigen, die sie erleben dürfen.
Bis der Frühling uns überrascht hat, bist du an vielen Tagen auf dem Zaun meines Bruders, der nun auch ein wenig mir gehört, still gesessen, wenn ich nach dem Duschen morgens das Fenster zum Lüften weit geöffnet habe. Du blicktest direkt in meine Augen, hast gezwitschert und ich habe dich jedes Mal gebeten, meiner Mama innige Grüße auszurichten. Es ging mir von Tag zu Tag besser, doch dann habe ich dich plötzlich vermisst. Verzweifelt suchte ich dich überall in unserem Garten. Doch wohin ich auch blickte, überall waren nur Spatzen, Meisen, Elstern, Amseln und manchmal sogar ein Distelfink. Du hast mir unendlich gefehlt, Rotkehlchen. Eines Morgens bei meinen schlaftrunkenen Schritten durch unseren Garten, weckte mich plötzlich aufgeregtes Vogelgezwitscher. Ich ließ meine Augen in die Höhe wandern. Du hast dort unter unserem Dach gemeinsam mit deinem Vogelmännchen ein Nest gebaut. Ich zählte fünf kleine Vogelschnäbelchen, die über den Nestrand hinaus ragten, hinaus in die weite Welt.
Meine Hoffnung, dich wiederzusehen, hat sich also vervielfacht. Danke, mein Rotkehlchen. Wie kleingläubig wir Menschen manchmal sind. Im Innersten spüre ich, mir und meiner Mama geht es gut. Sie ist mir wesentlich näher als damals in unserem gemeinsamen Leben. Uns verbinden der Friede und die Dankbarkeit.
Dir Rotkehlchen, dir und den Deinen wünsche ich, dass ihr weiterhin auch außerhalb unseres Vogelhäuschens jenes Körnchen findet, das euch nährt und reiche Saat bringen kann. Das Korn der Hoffnung. Hoffnung auf ein wertvolles, selbstbestimmtes Leben.
In großer Dankbarkeit grüße ich dich,
Anni