Gunn, 55, Mutter von drei erwachsene Kinder, die nicht mehr zuhause leben, Tochter, die ihre Mutter zunehmend im Alltag unterstützt, Wissensmanagerin, Starthelferin für Neuanfänge, Fair-teilerin von Lebensmitteln und Sachspenden

Corona betrifft mein Leben und zwar zum Beispiel,…

… weil ich viel mehr Zeit mit mir alleine verbringen kann.

Was fehlt mir denn tatsächlich durch Corona?

Fehlt es mit jeden Tag verplant zu sein? Im Büro zu sitzen, Projekte zu leiten, Flüchtlinge zu unterstützen, dies und das zu organisieren, mich mit Freunden zu treffen?

Ich staune, wie sich die Stunden meiner Tage auch ohne die unzähligen wiederkehrenden Termine füllen. Ich staune, wie es ist, immer wieder mich nur mit mir selber abzustimmen, nur darauf achten zu müssen, was ich tun will. Und ich staune, wie es mir ohne große Anstrengung gelingt, das was mir fehlt, durch anderes zu ersetzen. Es entstehen neue Wege online miteinander zu kommunizieren und sich trotzdem nahe zu fühlen. Nicht nur in Büchern und direkten Kontakten, auch in Online-Meetings, Online-Kursen und YouTube finde ich Impulse, die mich beschäftigen und bereichern.

Lange Spaziergänge mache ich ungewohnter Weise nun alleine. Erst war es langweilig und ich habe abgekürzt. Also habe ich probiert mich unterwegs von TED-Talks und Podcasts unterhalten zu lassen. Erstaunlich, wie inspirierend es sein kann, nur zuzuhören, den Gedanken eines anderen zu folgen ohne gleich einhaken zu können. Es tut mir gut, nicht gleich mitzureden, sondern meine aufblitzenden Assoziationen vorbeiziehen zu lassen. Es ist ein neues Erlebnis, nicht von mir selbst abgelenkt zu werden und bei den Gedanken desjenigen zu bleiben, der spricht.

Am meisten fehlt mir der Austausch mit einem anderen, wenn ich spannende Themen entdeckt habe, denn ich kann meinen Gedanken besser folgen, wenn ich sie aussprechen kann. Die ein oder andere Erkenntnis versuche ich schriftlich festzuhalten. Manchmal gelingt es später Gesprächspartner zu finden, mit denen ich die neuen Gedanken aufgreifen und weiterspinnen kann.

Aber erst einmal nur Zuhören zu können und mich nicht gleich selber einbringen zu können ist für mich tatsächlich eine bereichernde Erfahrung. Es nimmt Tempo aus meinem Gedankenkarussell. Ich werde ruhiger und staune über die Erkenntnisse, die in mir wachsen. Freue mich, plötzlich viel mehr wahrzunehmen, wie ich mich selber gerade fühle.

Eigentlich finde ich es ganz schön so entschleunigt zu werden. Genauer hinhören, hinsehen und hinfühlen zu können. Auch wenn ich viel weniger Kontakte als sonst habe, fühle ich mich verbunden mit meiner Familie und den Menschen, die ich zufällig treffe und mit mir selbst.
Ja, mit mir selbst habe ich tatsächlich mehr Zeit als sonst und staune, wie gut mir das tut.

Was fehlt mir tatsächlich durch Corona?