Sehr geehrte Frau Bundeskanzlern, Liebe Frau Merkel,
Es fällt mir schwer, diesen Brief zu beginnen, da ich unsicher bin, wie ich dies den Regeln von Anstand und Etikette folgend korrekt tue. Und dann denke ich: wenn meine Wertschätzung und mein Respekt vor Ihnen und der Position, die Sie innehaben, sichtbar sind, dann ist es wohl gut.
Ich schreibe Ihnen heute, weil ich Ihnen danken möchte. Nicht, weil ich finde, dass Sie alles richtig machen oder alles richtig entscheiden Nicht, weil im Zusammenhang mit Corona alles so super läuft in diesem Land. Tatsächlich finde ich manche Entscheidungen ganz oder teilweise falsch oder zu wenig differenziert. Vieles, was seit einem Jahr Corona gut laufen müsste, ist weiterhin katastrophal oder läuft gar nicht. All das aber ist nicht der Grund für mein Danke. Ich bin schlicht nicht immer mit Ihnen einer Meinung (2015 bei Ihrem „Wir schaffen das“ war ich das allerdings definitiv!).
Ich danke Ihnen nicht nur heute dafür, dass Sie Ihre Aufgaben ernst nehmen. Dass Sie Ihre Aufgaben annehmen. Dass Sie nicht weglaufen und nicht sagen: „Ich kann nicht mehr.“ Immer wieder stelle ich mir vor, wie die Frau `Angela Merkel` durch ihre Tage geht. Wie Sie Entscheidungen treffen. Wie Sie sich Berater und ein Team von Experten aus verschiedenen Bereichen zusammenstellen, um die bestmögliche Basis für Ihre und die Entscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz zu haben. Um von dieser Basis aus zu entscheiden. Und um anschließend über die Medien das Entschiedene zu kommunizieren.
Ich danke Ihnen dafür, dass Sie das tun. Ich weiß nicht, wie Sie dabei empfinden. Vielleicht wird mancher sogar fragen: „Empfindet die überhaupt irgendwas?“. Ich weiß die Antwort nicht. Ich weiß aber, dass auch Sie eine Frau sind. Sie haben ganz offensichtlich einen Willen zur Macht, denn sonst wären Sie nicht seit so vielen Jahren in Ihrer Position. Ich hatte nie das Empfinden, dass Sie Ihre Macht für Ihren Vorteil verwandt haben. Stattdessen fühle ich, dass Sie Ihre Macht bisher genutzt haben, um umzusetzen, was aus Ihrer Sicht „dem Wohle das Ganzen“, mindestens aber dem Wohle des Landes dient, dessen Bundeskanzlerin Sie sind.
Natürlich weiß ich nicht, was Sie empfinden. Aber ich weiß, dass es MICH Kraft kostet und Energie, wenn ich heftige Entscheidungen treffen muss. Ich wäge ab. Recherchiere. Lasse mir Details geben. Analysiere. Stelle Vergleiche auf. Ich achte, was mein Bauchgefühl mir sagt. Manchmal, insbesondere dann, wenn ich Entscheidungen treffen muss, die das Leben von anderen Menschen beeinflussen, brauche ich lange. Ich möchte nicht verletzen, Nichts falsch machen. In meinem Leben gibt es Menschen, deren klaren und menschenfreundlichen Blick ich zu 100% vertraue. Von denen ich weiß, dass wir ehrlich miteinander sind. Immer. Diese Menschen bitte ich in solchen Situationen um Unterstützung. Und ich bekomme diese Unterstützung. Was für ein Lebensschatz!
Geht das in Ihrem Job als Bundeskanzlerin überhaupt? Dürfen Sie sich überhaupt mit Menschen „außerhalb des Politiktheaters“ austauschen über noch ungeklärte Dinge? Haben Sie Menschen, die dann nah sind? Wer erdet Sie? Was erdet Sie?
In den so stressigen Situationen in meinem Leben, die ich mit dem Blick auf Ihre Agenda so oft als gering empfinde (auch mit dem Gedanken, dass Sie 12 Jahre älter sind als ich) bin ich trotzdem einfach nur erschöpft. Ich brauche Pause. Möchte, dass mich jemand in den Arm nimmt. Möchte mich in meinen Lieblingssessel setzen und die Füße hochlegen oder beim Licht der Frühlingsabendsonne mit einem kühlen Weißwein auf der Terrasse entspannen. Ich kann mir so schwer vorstellen, dass es solche Zeiten überhaupt für Sie gibt. Dass Sie privat, Frau, weiblich sein können. Dass Sie eben nicht „Frau Bundeskanzlerin“ oder „Frau Dr. Angela Merkel“ sind. Sondern Angela, erschöpft, mutlos, froh, glücklich, zuversichtlich, machtvoll, mutlos, sehnsüchtig, froh, idealistisch, energiegeladen.
Für mich fühlt es sich so an, als würden Sie seit so vielen Jahren schon Ihr Sein, Ihr Frau-Sein, Ihr Weiblich-Sein der Aufgabe unterordnen, die Sie übernommen haben. Bundeskanzlerin. Es fühlt sich so an, als ob Sie Ihr Sein immer wieder mitnehmen in Ihre Bundeskanzlerin-Aufgaben. Dem gilt mein Dank. Danke, dass Sie Beides verbinden. Leben und Aufgabe.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie gut auf sich achten. In der Corona-Zeit und darüber hinaus.
Danke.