Solveig, eine Mutter mit Teenage-Sohn, 49 Jahre, wohnt in einer Großstadt in Deutschland, bildet andere und sich fort, arbeitet überwiegend selbstständig, häufig ehrenamtlich, regelmäßig noch in einem EUR 450,00-Job, stellt Projekte auf die Beine und gerne mal das Leben auf den Kopf

Ein Tag Coronafrei…

Aus heiterem Himmel: Coronafreiii!

Wie damals in der Schulzeit: Da gab’s: Hitzefreiii!
Coronafreiii – ich hab‘ da diesen Flashback – höre die Stimme unseres Schulleiters, wie sie nach der 4. Stunde aus den knarzenden Lautsprechern über den Pausenhof schallte. Diese Stimmung bei „hitzefreiii“ war so ausgelassen … Ein paar Stunden früher Schulschluss! Was für ein Geschenk! Einfach das Rad von zu Hause geholt. Mit den nötigsten Schwimmsachen los. 6 km zur Ostsee. Rein ins Meer. Hitzefreiii. So war das. Ich fühl‘ das. Dieses Abtauchen. Salz auf den Lippen. Kühler Kopf. Warme Sonne. Die eine oder andere Qualle zu viel, okay. Aber: Was ist das schon gegen „hitzefreiii“?

Corooooonaaaafreiii!
CO-RO-NA-FREI!!!
Einen ganzen Tag lang.
Gerade noch vorwärts – jetzt auch rückwärts!
IIIER-FANO-ROC !

Auch das erinnert mich an meine Schulzeit. Was haben wir nicht alles umgedreht. Vornamen. Nachnamen. Lehrernamen. Ganze Sätze. Lachanfälle und Klassenbucheinträge inklusive. Lachen, bis der Bauch wehtat. Keine Chance, sich einzukriegen. Rausgeflogen. Draußen auf dem Schulflur weitergelacht. Lachen als Ventil. Das weiß ich heute. Jetzt bin ich ja auch älter, also, jetzt im Sinne von lebenserfahrener … das fühle ich auch, dieses „durch’s Leben gefahren sein“ … mit Dreirad, Rad oder Roller, Kettcar, Inlineskates, Schlittschuhen, Autos oder Gondeln … mich haben diese Hilfsmittel immer getragen, mit Ihnen konnte ich „Erfahrungen“ machen … fahren … wegfahren … hinfahren … Und, ja doch: Schreckmomente haben mich auch durchfahren …

All‘ dies‘ kommt hoch, in dieser verfahrenen Situation, aus der ich für einen Tag raus darf, aus diesem Coronagefühl, das ich eintauschen darf gegen meine Fantasie, meine Erinnerungen, meine Möglichkeiten … Und wo treibe ich ihn? In meine Jugendzeit. Was hat dieses Corona mit mir gemacht? Woran will ich anknüpfen? Was? Ich darf was? Wieder was? Ganz unerwartet?

IIIER-FANO-ROC !
Yeah ! Rock !
Es muss und darf gerockt werden!

Ich will es rausrocken aus meinem System. Diese Gängelei und Beschränkungen … Ja, ich hatte und habe verstanden, worum es ging. Ja, ich habe mich ein Jahr an alles gehalten. Und heute fühlt sich das nun wie Bevormundung an. Deswegen wohl auch die ganzen Gefühle aus meiner Schulzeit? Coronafreiii!

IIIER-FANO-ROC !
Ja, ich dreh’s um, dieses Leben, bevor ich durchdreh‘! Ich hab’s gedreht. Mich mitgedreht. Bin auf dem Absatz gedreht, um meine Träume in den vergangenen zwölf Monaten weiter zu leben und Überzeugungen zu vertiefen. Jetzt – mit diesem „coronafreiii“ – weiß ich noch nicht so recht umzugehen. Gibt’s das? Gibt’s was? Gibt’s Gips? Gips? Gips gibt’s morgen. Morgen? Morgen! Und heute? Jetzt? Kein Corona?

In meinem Kopf geht es drunter und drüber. Coronafreiii. Hab‘ ich das überhaupt gewollt? Ist das realistisch? Ich glaub‘ das nicht. Wir werden nie mehr „coronafrei“. Nie mehr.
Wir werden damit. Leben. Lernen. Müssen.

Coronafrei von jetzt auf nun überfordert mich. Ich bin zu langsam in Wahrnehmung und Verarbeitung, im Nachspüren und Verinnerlichen – zu schnell in meinem Gedanken. Wo ist das Meer, in dem ich meinen Kopf kühlen kann? Wo sind die warmen Sonnenstrahlen, denen ich mich überantworte? Wo der Fahrtwind beim Radfahren, auf dem Weg zur Ostsee? Hitzefreiii – ja, das kenne ich. Das erinner‘ ich. Da weiß ich, was zu tun ist. Ein, zwei Griffe zum Schwimmzeug. Noch etwas Kleingeld für ein Eis. Radreifen gecheckt. Und dann? Los! 20 Minuten. Mit Rückenwind. Zum Strand.

Coronafrei – und ich soll jetzt – was? Machen? Neee, das muss jetzt erst einmal sacken. Dem Gefühl Raum geben. Hab‘ mich nun ein Jahr an Corona gerieben, teils abgerieben … das lässt sich nicht so abschütteln. Nicht in 45 Minuten. Nicht in 45 Tagen. Wie war das bei der Schwangerschaft? 40 Wochen schwanger. Und wieder 40 Wochen, bis der Körper die Schwangerschaft verarbeitet hat. Rückbildung. Körperlich. Seelisch. Meine Hebamme hat mir das vor 18 Jahren erklärt. Dieses Coronachaos in mir werd‘ ich so schnell nicht los.

Wird wieder so `ne Geburt sein. In die neue Freiheit. Ein Jahr Corona – wie wird sie sich zurückbilden, unsere Gesellschaft? Wohin führen die neuen Erfahrungen? Reichen die bekannten und bewährten Hilfsmittel? Und: Was ist mit den „Raffkes“? … Sind das die Quallen, die mich damals und schon immer störten, wenn es „hitzefreiii“ hieß und wir in der Ostsee abtauchten? Was haben wir uns geekelt! Aber Quallen sorgen immerhin für Gleichgewicht im ökologischen Kreislauf …