Warum wollen alle so dringend auf normal zurück, obwohl wir doch gerade in einer echten Ausnahmesituation leben? Wir erleben eine womöglich einzigartige Ausnahmesituation, sind mittendrin in einer Zeit, die sich bestimmt in den Geschichtsbüchern der Zukunft wieder finden wird.
Haben tatsächlich so viele Menschen solch eine arge Freude an ihrem Routine-Leben? Sonst hört man Tipps, dass und wie man am besten aus der Alltagsroutine ausbrechen soll – Jetzt gibt es die Gelegenheit dazu und der Großteil der Menschen mosert und leidet – und zwar hierzulande nicht unbedingt an Hunger, Kälte und Obdachlosigkeit. Nein, Menschen beschweren sich, weil sie ein paar Wochen lang nicht zum Friseur können oder weil es so unerträglich anstrengend ist, Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen. Zugegeben, ununterbrochen von einem oder mehreren Kleinkindern umgeben zu sein, fordert mit Sicherheit einiges mehr an Geduld und Kreativität, Kraft und Improvisationsfähigkeit als andere Situationen im Leben. Aber Leute – noch vor einem Jahr hörte ich Klagen und Zweifel darüber, zu wenig Zeit mit den eigenen Kindern zu haben.
Wir alle erleben eine Ausnahmesituation. Bemerken wir es überhaupt? Für meinen Mann hat sich im Vergleich zu seinem sonstigen Leben nichts verändert, von der Maskenpflicht im Supermarkt einmal abgesehen. Und ja, der Aspekt, die Schwiegereltern seit bald einem Jahr nur noch kurz und immer nur draußen im Hausflur zu besuchen und auch immer mit Maske, ist befremdlich. Weniger Kontakt haben wir deswegen nicht, nur weniger lange Zusammenkünfte.
Auch mein eigenes Leben an den meisten Tagen der Woche, außer wenn ich an den zwei halben Tagen meinem Job in der Kurklinik nachgehe, ist von Corona unbeeindruckt, unbeeinflusst. Wobei – unbeeinflusst stimmt nicht. Vor etwas mehr als fünf Wochen fragte ich meine Schwester, die über 800 Kilometer entfernt lebt, wie ich ihr über das allabendliche Geschichtenerzählen hinaus noch helfen könnte. Sofort nannte sie mir ihre Not, ihrem 11-jährigen Sohn mit seinen Homeschooling Aufgaben nicht gerecht werden zu können, während die kleine 3-Jährige ganz andere Bedürfnisse hat. Also traf ich mich von da an jeden Tag für zwei bis drei Stunden mit meinem Neffen und unterstützte ihn, an seinen Aufgaben dran zu bleiben – und womöglich sogar noch etwas dabei zu lernen – via Zoom. Nie zuvor hatte ich solch einen regelmäßigen, umfangreichen und intensiven Kontakt mit ihm. Und ich vermisse es bereits, bedaure, dass diese Gelegenheit schon wieder vorbei ist. In Sachsen jubilieren die Leute, weil endlich wieder Regelbetrieb herrscht.
Regelbetrieb – alles soll so sein, wie vorher. Wie schon gesagt, für mein Leben würde sich wenig ändern. Ich könnte wieder mit Menschen tanzen – ja, das vermisse ich. Aber werde ich auch weiterhin mit meiner Freundin in Portugal Yoga machen oder gemeinsam mit Menschen rund um den Globus verteilt meditieren und singen – 14-tägig und nicht nur zu den beiden großen Treffen im Jahr?
Ich mag den aktuellen Zustand auch nicht als normal annehmen. Aber ich mag ihn ausschöpfen, als das, was er ist – eine Ausnahme, die es nach meinem Dafürhalten erfordert und verdient, von der Routine abzuweichen, Dinge anders zu tun und bei nichts die Freude zu verlieren, sie sich nicht verderben zu lassen von den äußeren Umständen.
Wann, wenn nicht jetzt, gelten denn solche Sprüche, wie der mit den Zitronen, die einem das Leben schenkt, um Limonade daraus zu machen oder der mit den Steinen im Weg, aus denen man Brücken oder etwas anderes Schönes bauen könnte?
Fehlen den Menschen Lust, Mut, Kreativität, dieses Bauen von Neuem, nie Dagewesenem anzugehen? Oder woran liegt es, dass so vielen diese Situation nur lästig und anstrengend ist?
Glücklicherweise kenne ich auch Gegenbeispiele. Noch einmal meine Schwester, die als Deutsch als Fremdsprachenlehrerin begeistert via Zoom Menschen aus der ganzen Welt in ihrem Sprachkurs versammelt, unabhängig davon, wo sie sich real aufhalten. Dadurch bekommen alle viel mehr von de verschiedenen Lebenswelten mit, als wenn sich alle im Dresdener Klassenraum treffen. Eine Freundin aus Hamburg genießt es, ihre Arbeit mit psychisch kranken Menschen weitestgehend im Freien gestalten zu können und sich darüber hinaus noch die zwei Stunden Fahrtweg zu den Teamsitzungen zu sparen, da diese online stattfinden. Wie sie schildert, seien die Sitzungen zudem viel effizienter und fokussierter.
Meine Limonadenbrücken sind Veranstaltungen, wie dieses Projekt hier. Wäre ich extra nach Wien gereist, zweimal in der Woche, um jeweils zwei Stunden zu schreiben? Eher nicht. Auch auf die Komoren wäre ich nicht geflogen, um das Konzert, das ich kürzlich mit meinem Mann genossen habe, mit zu erleben. Ja, doch, ich kann diesem Ausnahmezustand Gutes abgewinnen, und ich wünsche mir, dass einiges davon aufrechterhalten wird, auch wenn wir eines Tages wieder reisen können und einander sicher und angstfrei begegnen, womöglich sogar umarmen.
Ich liebe es zu reisen, kann stundenlanges Zugfahren unendlich genießen – mit Maske allerdings nicht, deshalb verzichte ich aktuell darauf. Auch meine monatlichen Treffen mit tollen Frauen zum „Schreiben im Café“ vermisse ich sehr. Doch ich betrachte diesen Zustand als vorübergehend – und schreibe derweil mit anderen tollen Menschen und anderer Anleitung – und hin und wieder sogar mit „meinen“ Frauen – im Café Zoom.
Ich will das Leben leicht nehmen und Vieles davon genießen, auskosten – auch Lockdowns und Ausnahmesituation. Ich finde es ungemein spannend, genau jetzt zu leben. Nur wünschte ich mir ein paar mehr Menschen, die sich ebenfalls beflügeln ließen, das Wertvolle, das Gute, das Innovative an der Situation zu erkennen, ihr eine Chance zu geben, anstatt sie unbetrachtet einfach nur wieder loswerden zu wollen.
Man spricht ja von Lücken im Lebenslauf. Ich will diese Corona-Zeit als gelebte und sogar bereichernde Zeit in meinem Lebenslauf betrachten. Wer weiß, ob und wann wir in unserer Lebensspanne noch einmal so etwas Außergewöhnliches erleben werden.