Schurli, 56 Jahre, Pfarrer einer katholischen Gemeinde in der Großstadt, Lese- und Schreib-Freund mit wachen Sinnen (manchmal auch von Sinnen), verwurzelt im Geschenkten und offen für Zufälle (des Himmels)

Was wollen die Viren?

Ich erwache. Ein neuer Tag beginnt. Heute ist CORONA. Noch immer!
Corona, du bist weiblich! Corona, ein schöner Name, der mir eigentlich gefällt!
Warum aber verbirgt sich so viel Grausamkeit in dir? Warum bist du äußerlich schön und innen furchterregend? Wie kann es sein, du bist so klein und dennoch schrecklich?

Corona, durch dich denk ich an neue Sachen, durch dich ist mein Leben so anders geworden: wann hätte ich mir je über Atemluft oder Aerosole Gedanken gemacht? Wann hätte ich mir sonst eine Auszeit von der erdrückenden Flut an Terminen genommen?

Ich springe gedanklich an den Anfang zurück, zur ersten Begegnung mit dir.
Damals kannte ich dich noch gar nicht, wusste nichts von deiner runden Form und deinen Stoppeln. Damals warst du ein Gespenst, bösartig, nicht zur Welt gehörig, ungehörig. Riesen-Angst hatte ich vor dir. Mein einziger Gedanke war: Es darf nicht sein – das Virus darf nicht kommen. Soll es doch in China bleiben, aber nicht bei uns! Und gezittert hab ich plötzlich um mein kleines Leben. Denn ich habe mich schon in einer großen Halle voller Betten gesehen, betreut von Pflegern wie Astronauten – also verloren im All. Nein, das darf nicht sein! Es wird bald vorüber gehen! so habe ich mich zu trösten versucht. Wie lange wird es dauern? Bis in den Herbst hinein? Nein, das muss früher enden. Atem anhalten und durch!

Jetzt ist schon fast ein Jahr vergangen. Und ich musste inzwischen natürlich wieder aus- und einatmen. Ich kam in keine Halle, außer bei der Testung. Ich verlor mich nicht im All. Ich blieb zwar nicht ganz vom Virus unberührt, doch immerhin von ihm verschont: meine Eltern, mein Schwager, mein Kaplan, eine Nachbarin, Leute aus Gruppen, zu denen ich gehöre, sie alle erlitten und durchschritten eine Corona-Infektion.

Ein Gedanke in mir formt sich immer mehr zur Frage:
Was wollen die Viren?

Im Fernsehen versuchen gescheite Leute, Antworten zu geben. Zukunftsforscher melden sich zu Wort. Therapeuten geben Ratschläge, Forscher finden einen Impfstoff. Umweltschützer sehen Licht am Horizont des geplagten Globus, und Politiker verkünden ein Licht am Ende des Tunnels. Doch die Fahrt geht nochmals hinein in das dunkle Loch, in das Corona-Loch, in den Corona-Rachen.

Was wollen die Viren?
Habe gelesen, es gibt so viele davon.
Ohne Viren gäb´s keine Evolution.
Ohne sie wäre Menschheit nicht denkbar.
Und das ist unbestritten auch wahr.

Was wollen die Viren?
Man rückt ihnen nahe und sie weichen aus, sie mutieren ganz einfach.

Wollen Viren Freundschaft mit ihren Wirten schließen, wollen sie bei uns bleiben? Haben sie Herz und Verstand? Oder appellieren die Viren an unseren Verstand, an unser Herz; auf dass wir uns ändern, dass wir mehr aufeinander schauen, dass wir das Ganze sehen und nicht nur unseren kleinen Vorteil? – So möchte ich es glauben.

Was wollen die Viren?
Ich selbst habe schon sehr viel von dieser sogenannten Corona-Zeit profitiert:
Ich habe entdeckt, wie wichtig Struktur und Regelmäßigkeit in meinem Alltag sind.
Ich habe neue Dinge gelernt: nun kann ich Geschnetzeltes, Kaiserschmarren, Zubereiten von Müsli und kleinen Mahlzeiten. Ich habe ausgedehnte Spaziergänge unternommen und dabei viele Begegnungen erlebt. Ich habe Videos produziert, Digitalprojekte in Angriff genommen: filmen und schneiden, aufnehmen und fotografieren. Ich habe an Schreibkursen teilgenommen und dabei den virtuellen Raum entdeckt. Hier wurde mein Herz – auch analog – berührt. Durch einen dieser Kurse bin ich einer Person begegnet, mit der mich eine wunderschöne Schreib- und Dialogfreundschaft verbindet – wie eine lebendige Brücke, gespannt zwischen zwei Seelen-Verwandten.

Was wollen die Viren?
Sie sind nicht nur böse; auch sind sie nicht die hässliche Seite der Schöpfung.
Sie haben eine Botschaft, die nur schwer zu enträtseln ist; ein bisschen weise, so meine ich, haben sie mich schon gemacht. Ich erkenne: dass das Leben nie normal war, sondern immer auch ein Risiko, dass das Leben ein Geschenk ist und bleibt – wir sind eingeladen, gut damit umzugehen.
dass die Realität nicht nur eine Oberfläche hat, sondern auch eine Tiefe, die unergründbar und auch unverfügbar ist.

Die Viren machen Sachverhalte sichtbar – ohne Emotionen; sie wirken – ohne auf die Person zu schauen, ohne Mitleid, ohne Liebe.

Aber: die Liebe locken sie heraus aus uns, sie fordern sie fast. Sie rufen uns aus unserer Bequemlichkeit. Sie lassen die Welt in einem größeren Horizont erscheinen, in einer ganzheitlichen Perspektive. Die Viren sind wie Stiche in den bequemen Hintern, wie Akkupunktur-Nadeln, die unsere Kraftbahnen wieder frei legen für den Fluss des Lebens.

Noch ein letztes Mal gefragt: Was wollen die Viren?
Die Antwort ist: Die Viren können nichts wollen!

Aber wir!
Wir sind gefordert! Wir können wirken – sogar im Kleinen; auch die Liebe kann anstecken!
Wir sind dran, uns zu überlegen, was wir wollen.