Alexandra, selbständig als Trainerin und Coach, 53, verheiratet, zwei erwachsene Kinder

Wie lange wird das noch dauern?

Wie lange soll das noch so weitergehen?
Wie lange halten wir – die Gesellschaft, die Menschen, die Unternehmen, die KünstlerInnen, all die anderen Selbstständigen ohne Arbeit – wie lange halten wir das noch durch?

Ich merke an mir, dass ich eigentlich schon längst nicht mehr mag. Obwohl ich gute Rahmenbedingungen habe. Obwohl ich gut für mich sorgen kann, mich über eine starke Resilienz freuen darf. Obwohl ich nicht alleine lebe. Mich mit Menschen treffe – im Freien und mit Abstand, aber immerhin. Obwohl ich meine Arbeit auch online anbieten kann. Obwohl ich die Zeit für mich und mein Herzensprojekt nutzen kann.

Aber da ist auch die Sorge um andere. Um die vielen, die das alles nicht haben. Und davon gibt es Tausende. Wie und von wem werden sie aufgefangen? Wer nährt die Armen? Wer tröstet die Verzweifelten? Wer heilt die Kranken? Wer kümmert sich um all die traumatisierten Kinder?
Wenn ich so weiter denke, rutsche ich in die Verzweiflung, in die Depression. Aber ist Verdrängen die Lösung? Wie und mit welcher Erlaubnis?

Wie kann ich gut für mich sorgen und trotzdem wach bleiben? Hellhörig? Wie kann ich meine Verantwortung als mitfühlender, achtsamer Mensch wahrnehmen, ohne mich dabei selbst runterzuziehen? Ist es egoistisch, nur mein „Ding“ durchzuziehen, nach dem Motto „hinter mir die Sintflut“? Zu sagen: Ach, ich kann ja eh nichts ändern?

Ich genieße die Zeit für mich, so gut es geht. Darf ich das?
Vielleicht muss ich das sogar, um zuversichtlich zu bleiben! Um anderen Menschen Licht und Leuchtturm zu sein. Um positive Energie in die Welt zu schicken.
Es gibt immer noch so vieles, für das wir dankbar sein können! Jede und jeder. Ist es die Aufgabe dieser Zeit, das wieder zu lernen?
Nur: Wie schafft das ein arbeitsloser Familienvater, der gerade alles verliert? Wie eine überforderte Mutter mit gewalttätigem Mann?

Bin ich dafür verantwortlich?
Darf ich loslassen, ohne lieblos wegzuschauen?

Ich bin nicht für alle und alles verantwortlich, das weiß ich inzwischen. Trotzdem kann ich Liebe und Mitgefühl verschenken, in die Welt hinein schicken. In Gedanken oder Worten, in Taten oder bei Bedarf durch finanzielle Unterstützung.
Das kann ich tun. Und das ist schon viel. Ich muss nicht die ganze Welt retten.

Wie lange noch will ich mir diese Frage stellen? Immer und immer wieder. Die Fragen machen mich müde und ich komme jedes Mal zum gleichen Schluss. Und trotzdem habe ich keine befriedigende Antwort für mich. Vielleicht, weil es keine gibt. Weil vieles offen bleiben wird. Weil manches nicht beantwortbar ist.

In die Fragen hineinleben, sagte Rilke so schön. Ja, ich will es versuchen, wieder und wieder. Neuer Tag, neuer Versuch.

Ich richte meinen Fokus auf das Gute, das Positive, auf das, was möglich ist, und das, wofür ich trotz allem dankbar bin. Auf das, wofür diese Zeit auch Chancen bietet. Für mich, für andere, für die Welt.

Vielleicht wird es erst anders, wenn wir alle gelernt haben, diese Chancen zu ergreifen. Wenn immer mehr Menschen ihren Fokus auf das Licht und die Liebe richten. Weg vom Mangel, hinein in die Fülle. Weg von der Angst, hinein ins Vertrauen.
Bis dahin wird sich wohl nichts ändern.

Wie lange wird das noch dauern?