Solveig, eine Mutter mit Teenage-Sohn, 49 Jahre, wohnt in einer Großstadt in Deutschland, bildet andere und sich fort, arbeitet überwiegend selbstständig, häufig ehrenamtlich, regelmäßig noch in einem EUR 450,00-Job, stellt Projekte auf die Beine und gerne mal das Leben auf den Kopf

Einen Brief…

Einen Brief soll ich schreiben … unter dem „Dach“ von Corona … oder besser: unter dem Eindruck von Corona. Oder – unter dem Einfluss von Corona? Oder: Trotz Corona? Wegen Corona? Über Corona? Ohne Corona? Mit Corona? Und einen Adressaten soll ich mir suchen – schwieriges Unterfangen. Aber ich entscheide mich für einen Brief an dich, mein Herz. Du hast es nicht leicht im Moment. Vielleicht hast du es schon länger nicht leicht und ich habe es einfach nicht mitbekommen? Hab‘ ich so um dich herum gelebt, ohne zu bemerken, dass dir das Lieben schwerfällt? Und manchmal auch das Leben? Dass dir die Leichtigkeit fehlt? Und die Kraft? Meinst du, es ist wegen Corona?

Du, gekümmert habe ich mich schon, ich weiß, dass du das weißt. Ich war mit dir beim Kardiologen Ende 2019. Diese Stiche. Ich wollte sie abklären lassen. Und, ja du kommst bisweilen aus dem Rhythmus, aber alles, was Bilder gab, und überall, wohin man uns schickte, bestätigte, dass wir auf unsere ganz besondere Weise normal sind – trotz eines abgebrochenen Belastungs-EKGs, dem Auslöser des Untersuchungsmarathons. „Das sind die Fakten“, ich weiß, du würdest das jetzt sagen. Was mit dem sei, was dich ausmache? Was mit der Liebe sei? Fragst du mich das allen Ernstes? Du zwingst mich, in mich hineinzuhorchen. Natürlich würde ich dich vermissen, gäbe es dich nicht. Was für eine Frage! Was für ein Gedanke! Dieses Lieben, ich dachte, das würdest du mir zeigen. Dich jetzt zu beschweren, dass es nicht klappt, und bei mir nachzufragen, warum es mir schwerfällt – das überfordert mich jetzt. Überforderung – das ist überhaupt das Stichwort. Ich spüre Druck und Unausgeglichenheit in mir. Fühle mich nicht frei – wie solltest du dich frei fühlen, mein liebes Herz? Natürlich bedeutest du mir viel. Du bedeutest mir alles. Mit dir verbinde ich Innigkeit und Zugehörigkeit. Natürlich möchte ich dich schützen.

Ja. Ich versteh‘ dich. Das Leben mit Corona schürt Ängste und Beklemmung. Dir fehlt Raum, weil er mir fehlt. Du und ich – wie sind miteinander verwachsen. Ich bin du und du bist ich. Vielleicht redest da mal weniger mit mir und dafür mit meinem Verstand? Vielleicht findet ihr die Lösung für meinen Kummer und meine vielen Tränen? Täglich wird mir bewusster, wie mir Perspektive fehlt. Mein Alltag hat sich verändert. Gravierend. Meine Lebendigkeit fühlt sich ausgeleiert an. Verzogen. Betäubt. Das kennst du? Aus den wenigen Narkosen, die du schon erlebt hast, mein Herz? Das ist interessant. Du wusstest, das es vorbeigeht? Das hat dir geholfen und du konntest es aushalten? Genau das weiß ich eben nicht: Ich weiß nicht, wann es vorbei ist.

Es gibt so viele tolle Worte. Resilienz. Bewältigungsstrategien. Self Care. Regeneration. Prävention. Niemals zuvor war ich beruflich wie privat stärker eingespannt und gefordert. Ich habe Erwartungen an mich. Meine Liebsten haben Erwartungen an mich. Und es fällt ihnen schwer, meine Kraft schwinden zu sehen. Dieses Funktionieren, dieses Heruntergebrochensein auf das System „Mensch“ – da ist kein Platz für Gefühl, mein Herz. Bewusste und achtsame Menschen – wo ist Raum für Verletzlichkeit und Erschütterung? Wem kann ich mich öffnen? Wer hält mich und hält mich aus? Wo darf ich so sein, wie ich sein muss, um mich meinen Gedanken zu stellen und sie zu bewältigen?

Ja, mein Herz.
Corona.
Gibt es nicht koronare Herzkrankheiten? Die sind mit Sauerstoffmangel verbunden, nicht?
Ist das heilbar?
Ja, mein Herz. In Corona steckt du – auf lateinisch „cor“.
Ich glaub‘ an dich. Ich glaub‘ an uns.
Ich will an die Liebe glauben.
Und an Heilung.