Heute will ich dir mal einen Brief schreiben. Es ist mir ein Bedürfnis, mich dir zuzuwenden. Ich sehe dich nun schon sehr lange. Ich weiß es nicht, warst du früher nicht da? Oder bist du mir nur nicht aufgefallen? Doch jetzt treffe ich dich fast jeden Tag. Ich würde dich so gerne ansprechen. Doch dann habe ich immer das Gefühl, ich würde dich stören. Und das möchte ich nicht.
Ich habe dein Gesicht bemerkt und ganz besonders deine Haltung. Anfangs, als ich dich das erste Mal traf, da hatte ich das Gefühl, du bist irgendwie traurig. Doch dieser Eindruck hat sich nach einer Weile geändert. Ich glaube, ich habe deinen Blick jetzt anders verstanden – es ist, als würdest du nach innen blicken. Du hast für mich eine ganz besondere Ausstrahlung. Irgendwie wirkst du auf mich sehr bescheiden, aber nicht schüchtern. Und auch ein wenig stolz, aber gar nicht arrogant.
Je öfter ich dich treffe, umso mehr nehme ich ein gewisses Leuchten in deinen Augen wahr. Da geht jedes Mal ein warmer Hauch von dir aus, wenn ich dich sehe. Eigentlich ist es sehr wohltuend, dich zu sehen. Da ist auch so eine Ruhe und eine Beständigkeit, die von dir ausgeht. Ich mag das, wenn ich jemanden wie dich treffe, die aufrecht, mit wachem Blick, bescheiden und doch sehr kraftvoll einfach da ist.
Weißt du, mich bewegen, so viele Fragen und ich habe mir schon öfter überlegt, wie es wäre, wenn wir zwei uns über meine Fragen unterhalten würden. Doch jedes Mal, wenn ich versuche, mir einen Ruck zu geben, ist mir, als würde eine Stimme in mir sagen: „ach komm, du weißt alles, was du wissen musst. Es gibt nichts, was du nicht ohnehin in dir trägst. Du musst nur von Zeit zu Zeit innehalten. Dann spürst du, was für dich wichtig ist.“
Das ist seltsam. Ich kenne das so gar nicht von mir. Allzu schnell hab ich früher alle möglichen Instanzen befragt: Freundinnen, Freunde, Therapeuten, gute Bücher…. Und dann war ich auch ganz schnell mit guten Ratschlägen da, wenn ich wo etwas gesehen habe, das mich verwirrt oder vielleicht sogar gestört hat.
Doch seit einem Jahr ist irgendwie alles anders. Seit kein Mensch weiß, was noch alles auf uns zukommt und wofür uns diese spezielle Zeit, in der wir gerade leben, vorbereiten will, sehe ich dich. Ich hatte noch nie das Bedürfnis, dir irgendetwas zu erzählen. Aber Fragen habe ich viele. Sehr viele. Doch immer, wenn ich sie dir stellen will, hält mich noch eine weitere innere Stimme davon ab. Sie flüstert mir zu: „Alles ist gut, so wie es ist“.
„Alles ist gut, so wie es ist“ ?? Puuh, dieser Satz wollte anfangs ja gar nicht rutschen.
Da hat in mir was zu protestieren begonnen. In Zeiten wie diesen zu sagen, „alles ist gut, so wie es ist“, empfand ich als Zumutung.
Doch inzwischen habe ich ihn so oft in mir gehört. Mir kommt vor, dieser Satz bekommt jedes Mal eine andere Farbe. Und irgendwie auch eine neue Bedeutung. Inzwischen klingt er fast wie ein Auftrag an mich.
Kannst du dir das vorstellen? Der Satz klingt für mich inzwischen fast ein wenig wie Zukunftsmusik. Ein Auftrag an mich und meinen Lebensstil. Es ist fast so, als wollte er zu mir sagen: „Lebe dein Leben so, dass du irgendwann – wenn du einmal am Beginn der Regenbogenbrücke stehst – mit diesem Satz komplett einverstanden bist. Dass da nichts mehr in dir ist, was sich gegen diesen Satz wehrt: „Alles ist gut, so wie es ist“.
Und weißt du, liebe Ratlosigkeit, das ist es auch, was ich so liebe, wenn ich dich nun immer wieder treffe – dich, du bescheidenes, stolzes, anmutiges, beinahe demütiges Wesen. Dich, die du immer schweigst, wenn wir uns sehen. Dich, die einfach da ist und von der eine unglaubliche Ruhe und Klarheit ausgeht.
Du hast mich angesteckt mit deiner bescheidenen stolzen Demut. Auch in mir ist es still geworden. Nein, nicht sprachlos, aber ruhig. Ich habe auf einmal überhaupt kein Bedürfnis mehr, jemandem gute Ratschläge zu geben. Ich will einfach nur immer mehr darauf achten, dass mein innerstes Wesen etwas von deiner Haltung ausstrahlt, von dieser Wärme und dieser Ruhe. Völlig frei von Ratschlägen.
Ich bin in Berührung gekommen mit meinem inneren weisen Kern. Ach, und das tut so gut. Ich bin dir dankbar, liebe Ratlosigkeit, dass du mich in deiner stillen, bescheidenen Art einfach an meine eigene innere Weisheit erinnert hast.
Lebe wohl! Ich freue mich, wenn wir uns wieder einmal sehen.
Von Herzen
Deine Jana