Freimut, 60, verwitwet, Angestellter in Dauerkurzarbeit, lebt in einer ostdeutschen Kleinstadt

„Der Werkzeugkasten“

„Gutes Werkzeug – halbe Arbeit.“ – pflegte mein Vater zu sagen. „Spare nie beim Werkzeug. Und pass auf, dass du es richtig verwendest.“ Wer mehr Schaden anrichtet und nichts erreicht, hat zum Werkzeug falsch gegriffen. Schlosserweisheiten.

Ich mag meine Werkzeugkisten. Sie leuchten dunkelblau wie die Träume, die ich mir noch erfüllen will. Fünf Kisten. Ein schwerer Stapel auf leisen Rollen. Stets zu Diensten. Doch der beste Werkzeugkasten schwebt direkt neben mir. Leuchtend blau und unsichtbar. Ich fand ihn beim Aufräumen, im Nachlass meiner Frau. Er ist mir der liebste. Immer reicht er mir ein passendes Werkzeug zu, sogar gegen das böse C. Nein, keine Beatmungsmaschine, schon gar keine tiefgekühlte Ampulle, keine Pillen und keine Spritzen.

Der Kasten weiß es besser: Corona ist keine Atemwegserkrankung. Doch, auch, für diejenigen, die es schlimm erwischt und die glauben, was der Fernseharzt sagt. An oder mit C, heißt es. Was wissen die überhaupt? Mir geht es wie den meisten: Corona wütet vor allem im Kopf.

Das Wort infiziert Panik- und Angstzentrum, schaltet den Verstand ab und Gedankenspiralen an. Todesspiralen. Todesangst. Wie ein Virus übertragen bunte Scheiben, flimmernde Bilder und kleine, dreckige Buchstaben diese Panik. „Hast du schon gehört, dass…“ Und sofort bin ich schwer infiziert. Die erste Seuche, die sich per Telefon verbreitet. Wir brauchen mehr Bandbreite, fordert die dicke Kaiserin aus Berlin.

Mein Körper ahnt davon nichts. Null. Alles „jättebra“, richtig gut, wie die Schweden sagen. Na ja, abgesehen von diesem und jenem…
Angst! Panik! Melden Ohren und Augen.
Meinem Körper wird es zu bunt. „Aus! Es reicht!“
Angst! Panik! Doktor Lauterbach! Die zehnte Welle!
„Schnauze!“ – wehrt sich mein Verstand grob. Es hilft nichts.
Da wird wohl ein Trauma daraus. Ein Kollektivtrauma, vererbbar für die nächsten Generationen.
Ohne mich.

Drei Möglichkeiten kennt mein Körper, um traumatische Erlebnisse zu bewältigen:

Wegrennen? Das habe ich als kleiner Junge oft getan. Doch wohin soll ich, wenn die ganze Welt global verblödet? Schweden wäre gut. Aber wovon soll ich dort leben?

Die Situation ändern? „Gib mir den Mut, die Dinge zu verändern, die ich ändern kann, zu ertragen, was ich nicht zu ändern vermag und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.“ Ein Spruch, der viele Schreibtische in der DDR zierte. Meine jugendlichen Versuche, die Welt zu verbessern – längst waren sie gescheitert. Der alte Chinese kommt mir in den Sinn: „Setze dich an die Biegung des Flusses und warte, bis deine Feinde tot vorüber treiben.“ Hat da jemand mit Viren nachgeholfen?

Meinem Körper bleibt nur die letzte und schlimmste Möglichkeit: Er erstarrt. Ich spüre, wie meine Beine, die eigentlich rennen müssten, langsam gelähmt werden. Von unten nach oben verschwindet allmählich das Leben aus mir und die Angst steigt auf. Die Angst triumphiert: Habe ich dich doch!

Nein, du hast dich zu früh gefreut. Ich klappe meinen himmelblauen, therapeutischen Heimwerkerkasten auf, den ich mir über die Jahre gut bestückt habe. Nachdem meine Frau gestorben war und ich schutzlos in Trauer erstarrte. Eine leere Zauberschachtel reichte sie mir aus dem Jenseits. „Du musst selbst herausfinden, was am besten hilfst. Du darfst alles…“
Am liebsten versteckt sich die Angst irgendwo Körper, bleischwer. Flacher Atem. Magendrücken. Ich schüttele die Angst heraus. Die C-Worte und die Fremdgedanken gleich mit. Am besten mit Musik.

Mal sehen, welches Werkzeug heute am besten passt. Fühlen, was funktioniert, nicht denken, was richtig sein sollte.
Im Deckel des Kasten klebt das Inventarverzeichnis und obenauf der Beipackzettel. Zuerst: Schalte alle Medien ab und öffne das Fenster. Nur ein roter Knopf ist ein guter Knopf. Alles aus! Lasse das Schlaufon liegen, schalte es ab oder wenigstens stumm. Erledigt. Tief ein- und ausatmen.
Stille. Ruhe. Frieden.

Ich gehe die Werkzeugliste durch: Was täte mir gut? Hier und jetzt?
Waldbaden. Bäume umarmen. Anlehnen. Oder nur Spazierengehen? Freigang aus dem Coronaknast. Mindestens einmal täglich. Überdosierungen sind nicht bekannt.
Atemübungen. Tief einatmen und dreimal länger ausatmen. Den ganzen Dreck wegatmen, ohne Maske natürlich. Dasselbe mit Bewegung der Arme und Beine. Ausfallschritt. Wie der Zen-Krieger. Nicht nötig, den Gegner zu berühren, er wird vor deiner Energie zurückweichen, denn er ist schwach. Lügen haben schwache Beine und kurzen Atem.

Meditationen auf der Matte? Dafür bin ich jetzt zu zappelig.
In den Himmel schauen und atmen? Später. Auf dem Balkon ist es mir zu kalt. Ich könnte das Meisenpaar stören, das seinen Nistkasten inspiziert. Die Glücklichen. Sie wissen nichts vom bösen C.
Die Natur beobachten. Vögel gegen Corona.

Barfuß gehen. Gefühl in die Fußsohlen treten. Bindegewebe dehnen mit der Schaumstoffrolle. Autsch. Was wirkt, darf ein wenig schmerzen. Nicht zu viel. Nicht übertreiben.

Schwedische Massage üben mit Anna oder Paula! Göttlich. Das wirkt am besten. Darum haben die Gesundheitsapostel auch Massagen verboten. Wir treffen uns heimlich am Abend im Schutz der Großstadt. Illegal. Illegal? Scheißegal!

Neuronales Zittern. Das hebe ich mir für Notfälle auf. Wegen der Suchtgefahr.
Klopfen? Ich habe die Reihenfolge vergessen. Da muss ich wohl die Anna fragen.
Selbstmassage geht immer. Wie der Zen-Krieger nach der Schlacht. Nur nicht so lange. Sieben Stunden lang muss ich mich nicht kneten. Noch nicht.

Gutes Essen langsam schmecken. Dazu Mikronährstoffe schlucken. Zu teuer? Na und? Was die Krankenkasse zahlt, hilft nur selten den Patienten.
Dunkle Schokolade zum Nachtisch. Nur nicht verbittern.

Radfahren in der Natur. Länger als ein Virus lebt. Beim Gehen abwechselnd nach links und rechts blicken, um beide Gehirnhälften zu aktivieren. Wie heißt diese Technik? Vergessen. Hauptsache, es funktioniert.

Malen und Zeichnen. Meditatives Fotografieren. Ein einsamer Apfelbaum mit wirrer Krone im Eiswind erinnert mich an einen klugen Arzt. Hier stehe ich und kann nicht anders. Im Frühling wird er trotzdem blühen.

Sauna? Verboten, wie alles, was das Immunsystem stärkt. Ich finde eine Lücke und verbringe mit Paula vier Stunden im „Privat-Spa“. Eine ganze Saunalandschaft nur für uns. Teuer, heiß und gut. Der Besitzer berichtet vom Angriff vier grauer Herren des Gesundheitsamtes. Ob sie wohl den Text ihrer eigenen Verordnung kennen würden? Er las vor und schlug sie damit zurück. Ein tapferer Zen-Krieger. Die Energie des Feindes gegen ihn selbst umlenken. Eine hohe Kunst.

Kochen? Nein, sagt die Waage aus China. Ausnahmsweise glaube ich ihr.

Das alles passt für diese Stunde nicht. Ich nehme den blauen Stift aus der Kiste und entscheide mich für das Schreiben. Eine gute Fee steht mir bei. Die Angst ist vor Angst ganz klein geworden. Sie fürchtet sich davor, beim Namen genannt zu werden. Ach wie gut, dass niemand weiß… Doch, ich kenne die Namen. Es gibt nichts zu verzeihen. Bald schon treibt die Angst im Fluss der Zeit davon. Nach ihr die Panik, die vielen Lügen und die Kleider der dicken Kaiserin.

Meine Beine wollen raus. Sie halten nicht mehr still beim Schreiben. Ich werde im Wald nachsehen, ob die Weiden schon blühen. Ich nehme mir die Freiheit.