Liebe Rike,
inzwischen leben wir schon ein ganzes Jahr im Ausnahmezustand und noch immer ist kein Ende abzusehen.
Erinnerst Du Dich, ich war verreist, als die Situation sich so rasend schnell verändert hat. Zuvor gab es das Virus schon, aber niemand hat zum Zeitpunkt meiner Reise auch nur im Entferntesten mit dieser dramatischen Entwicklung gerechnet. Meine Reise habe ich damals vorzeitig beendet und alle, auch Du, waren der Meinung, das sei richtig gewesen. Viel ist inzwischen passiert. Im vergangenen Jahr war alles so beängstigend. Verstörende Nachrichten, entsetzliche Bilder. Deine geplante Rückenoperation hat noch stattfinden können, bevor alle Intensivbetten für an Covid erkrankte freigehalten wurden. Dann bist Du zur Reha gefahren. Besucht werden durftest Du nicht, aber Du hast gesagt, dass das für Dich nicht so bedrückend war, weil die Aufenthalte von vornherein zeitlich begrenzt waren.
Unser alljährliches Treffen konnte nicht stattfinden und ob es in diesem Jahr noch etwas damit wird ist offen. Ganz neu haben wir die Möglichkeit von virtuellen Treffen entdeckt. So kann man sich sogar öfter sehen als sonst. Es ist kein wirklich guter Ersatz, aber besser als nichts.
Mein Schwiegersohn ist in Kurzarbeit im Homeoffice, meine Tochter unterrichtet digital, die drei Kinder sind ebenfalls im Homeschooling. Gar nicht so einfach alles unter einen Hut zu bringen. Mein Sohn hat als Pfarrer viele schwierige Gespräche und Begegnungen. Gottesdienste sind im Winter ausgefallen, es gab „Gottesdienst to go“, im Sommer im Freien. Besuche in Pflegeeinrichtungen können kaum stattfinden. Beerdigungen sind eine unglaubliche Belastung, nicht nur für die Familien, auch für ihn. Seelsorge auf Abstand ist unmöglich! Die Zeit in der ersten Gemeinde nach Abschluss des Studiums hatte er sich so ganz anders vorgestellt. Aber die besondere Zeit bringt auch besondere Anforderungen und Fragen an einen Seelsorger mit sich.
Wie kommt Ihr denn mit der Situation zurecht? Dein Schwager zählt ja zu den Hochrisikopatienten. Ist er in seiner Einrichtung gut versorgt? Könnt Ihr ihn regelmäßig besuchen? Versteht er, warum gerade alles völlig anders ist als gewohnt?
Es seit 12 Monaten ein ständiges Hin und Her der Regelungen gab und eine Inzidenz von maximal 50 angestrebt wurde, um Schritte zur sogenannten Normalität zu ermöglichen, ist plötzlich eine Inzidenz von 100 wieder in Ordnung. Ich gerate mit meinem Verständnis hart an die Grenzen der Geduld. Ich möchte den Job nicht machen, kein Entscheidungsträger sein. Die kriegen immer Prügel, egal was entschieden wird. Aber so wie es seit Dezember und besonders im Moment läuft, fühle ich mich für dumm verkauft. Vorsichtig ausgedrückt. Es gibt in diesem Jahr viele Wahlen und das spielt vermutlich eine große Rolle. Für die vielen durch die Lockdowns schwer getroffenen Menschen ist es dringend nötig, dass es endlich weiter geht. Aber ich bezweifle, dass das der wesentliche Hintergrund der Entscheidung ist. Ich denke, wenn das so wäre, hätte man das schon viel früher in Erwägung ziehen können und auch müssen! Ich wünsche uns allen von Herzen, dass es tatsächlich mit dem Stufenplan gelingt eine Besserung für alle zu erreichen. Überzeugt davon bin ich nicht.
Ich wünsche Euch eine gute Zeit und freue mich, wenn wir uns hoffentlich bald wieder persönlich treffen und in den Arm nehmen können.
Alles Liebe bis dahin
Deine Elisa