Dieter, 65 Jahre, lebt im Berchtesgadener Land, ehem. Hauptschullehrer und wenn er schreibt, erfasst ihn ein Impuls und es geht ihm immer um einen tieferen Sinn, um ein wesentliches Anliegen

Ja, ich soll einen Brief schreiben…

Ich denke daran, als Lehrer in meiner Ausbildung gefilmt zu werden, um mich von außen in meiner Art, in meinem Sein zu sehen und kritisch wahrzunehmen. Davor hatte ich eine riesige Angst – mir selber zu begegnen – mich selber auszuhalten – doch dazu ist es nie gekommen. Doch ein Schulratsbesuch, der mich beobachtet und beurteilt, machte mir genauso große Angst – lähmend, entsetzlich, unendlich bedrohlich …

Diese Angst, dieser Gedanke daran bereitet mir ein sehr mulmiges Gefühl. Ich meine, ich muss eine gute Figur abgeben, ich müsste mich so sehr anstrengen, müsste auf eine unerreichbare Art exzellent in meiner Rolle sein, in meinem Auftreten, in meinem Erscheinen … Es ist, als müsste ich sehr viel leisten, besser sein, als ich jemals überhaupt in der Lage dazu bin… eine Spitzenleistung abliefern, ohne Makel, ohne jede Schwäche, ohne angreifbar in jeder Hinsicht zu sein. Moralisch einwandfrei, inhaltlich praktisch alles wissend, beeindruckend fast überwältigend mit einer Botschaft, die auf keinen Fall langweilig, nicht schon bekannt, mitreißend neu und faszinierend ist, die dem Gegenüber den Mund vor Staunen und Anerkennung offenstehen lässt. Nach dem Motto – ich bin so großartig und da gibt es keine Kritikmöglichkeit.

Doch wovor habe ich Angst und was treibt mich zu solch vermessenen Ansprüchen?

Vielleicht die Erfahrung, nur bestehen zu können, wenn ich eben unfasslich gut bin – weil anderenfalls vernichtende Kritik, Vorwürfe, Abwertung Schläge, Androhungen und Strafen sich über mich ergossen – ich eben nicht genügte, so wie ich war und mich zeigte.

Ja, ich habe Angst vor dieser allzu schmerzhaften Ausgeliefertheit und Ungerechtigkeit, vor dieser so verletzenden, allzu schmerzlichen Vernichtung, die mich so oft und so grundlegend in eine lähmende Ohnmacht stürzte.

Nicht gut genug, ungenügend, und die Überfälle ereigneten sich mit einer Unberechenbarkeit, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf mich niederprasselten, und ich wusste nicht wann, in welchen Momenten … Meine Worte mein Denken, mein Wille und mein Handeln lösten so massive Folgen aus.

Diese einst entstandene Angst habe ich vor meinen Eltern, aber auch vor jedem anderen Gegenüber. So habe ich letztlich Angst in mir, vor mir selber, vor meiner Ohnmacht, vor der unkontrollierbaren Ausgeliefertheit, vor den Überfällen, den Ungerechtigkeiten, vor der Lieblosigkeit und der erwarteten Verständnislosigkeit , vor der fehlenden Anteilnahme, weil ich nicht wirklich gesehen, verstanden, wertgeschätzt wurde. Oftmals wurden Nichtigkeiten, allerselbstverständlichste Kleinigkeiten so hervorgehoben und gelobt – was aber nie wesentlich oder echt oder wirklich meine Seele nährend war. Diese scheinbare Anerkennung bzw. falsche Lobhudelei verstärkte mein Misstrauen gar zusätzlich.

Ja, ich soll einen Brief schreiben… Und der muss, wie alles, was ich an andere richte und von mir selber zeige, der muss einfach sehr gut sein – gar besser, als es mir möglich. Ich muss immer über mich hinauswachsen, um die Chance zu erkämpfen und zu nutzen, mich angenommen, gesehen und verstanden zu fühlen… Ein unendliches, nie gelingendes Unterfangen, ein Vorhaben wie das von Sisyphus…

Ach, wie traurig und wie armselig …

Wie leicht wäre es, einfach da sein zu dürfen und einfach nicht gut sein zu müssen. Keine Angst zu haben, keine Energie zur Angstbewältigung aufbringen zu müssen, keine Kontrolle aufrecht erhalten zu müssen, um ja keinen Fehler zu machen …

Eine Art Grundentspanntheit – ich bin – ich bin da, wie ich bin, ich bin nicht bedroht, ich habe nichts zu befürchten …

Mir fällt der Song von Wolfgang Ambros ein – „Großvater“ – ein Erwachsener und Schutzbefohlener, der in aller größter Herzensfreiheit geduldig und verständnisvoll seinem Enkel nach einem massiven Gelddiebstahl in einer Art und Weise begegnet, die außergewöhnlich ist … Er lässt zu, nimmt an, klagt nicht an, trägt das mit, spricht kaum aus, was jeder Richter als Kern seiner Gerichtsverhandlung ansehen würde.

Der Großvater begegnet seinem Enkel mit tiefstem Mitgefühl, er weiß um seine einstig selber gemachten Fehler und in einem Gefühl der Annahme, gar der Umarmung – geht er auf seinen Enkel zu – mit seinem Fehler, mit seinem Vergehen – ganz und gar steht er zu ihm. Dadurch scheint mir der Enkel seine Einsicht in seinen Fehler zu gewinnen ohne Strafpredigt, ohne Ablehnung, ohne Diskussion und ohne jede Verachtung und Missachtung und ohne jedes Verurteilen. Unausgesprochen erkennt er ihn, denn sein gutes Gewissen weist ihn auf seine Angst hin und vermutlich wird er dergleichen nicht mehr tun. Das Miteinander ist erhalten geblieben – nein – der Großvater bricht den Kontakt nicht ab, er distanziert sich nicht, er sagt nicht, du bist schlecht, du bist eine Schande, was sagen da die anderen, du bist unwürdig geworden, will mit dir nichts mehr zu tun haben – nein – im Gegenteil – er zeigt ihm, dass er zu ihm steht, gerade auch, wenn sein Verhalten offensichtlich nicht in Ordnung war … Genau das ist der springende Punkt….

Oh ja – welche Größe, welche Liebe, welche Verbundenheit, welche Bedingungslosigkeit – der Großvater – ein Symbol für das Band der Liebe – er weiß um die Bedeutung „der werfe den ersten Stein, der ohne Schuld“ und seine Liebe löst Dankbarkeit beim Enkel aus – da ist kein Oben und kein Unten, da entsteht kein Machtkampf, da entsteht kein – „ich werde es dir zeigen“ und ihm Gegenüber kein „ich lass mir das nicht gefallen“ – da wirkt das Verbindende in die Einsicht hinein – und es entsteht keine Festlegung durch einen Schuldspruch, es entsteht kein Stigma, „ich bin nicht richtig, ich bin es nicht wert, geliebt zu werden, ich kann nichts, und ich muss mir mein Dazugehören durch wohlwollendes und mich anpassendes Verhalten erkaufen… Und der Enkel wird ermächtigt, selbst ein Liebender zu werden und zu bleiben….

Wie ist die Situation heute?

Die heutige Spaltung zwischen den Menschen – sehr sichtbar in dieser Coronazeit – hat auch die Ursache in dem einst um sein eigenes berechtigtes Dasein kämpfen zu müssen – als Folge der Herzensenge, der getrennten, isolierten und einsamen, starren und allzu starren Selbstbehauptungszwänge – wie wenn es um mein, dein, unser aller Überleben im normalen Miteinander ginge…

Fehlende Verbindung durch Machtkämpfe, durch die Lieblosigkeit, die verschüttete innere Offenheit, durch das zerstörte Vertrauen, durch die notwendig gewordene Kontrollwachheit und Notwendigkeit, sich vor Verletzungen, die einst ein Kinderherz nicht ausgehalten, zu schützen … All das schuf und erzeugte genau dies und erwachsene Menschen sind massenweise in diesen kritischen Situationen plötzlich im Entwicklungsstadium eines Drei – bis Achtjährigen, welches sie in ihrer Entwicklung nie durchschritten haben, nie überschreiten konnten – durch das Fehlen eines liebevollen und gütigen Großvaters …