Freimut, 60, verwitwet, Angestellter in Dauerkurzarbeit, lebt in einer ostdeutschen Kleinstadt

Mit oder ohne

Ich kenne niemanden, der Corona hatte. Stimmt das? Nein. Wen zähle ich dazu? Reicht ein Test als Diagnose? Sind mir die Patienten im Fernsehen egal? Natürlich nicht. Wer kann wirklich sagen: Ich hatte Corona. Überleben vorausgesetzt. Und eine saubere Diagnostik auch.

Vielleicht hatte mich das Virus schon erwischt? Als ich in den Wald ging, auf einem meiner Freigänge im behördlich erlaubten Umkreis und aus triftigem Grund. Allein bin ich sowieso. Im Wald sieht es wie in Schweden aus, wo wir glücklich waren. Corona? Weit weg.

Mein Weg zu unserem Teich führt an zwei Felsen vorbei. Einer zum Klettern und einer zum Meditieren – der steht für mich. Ein Geschrei stört meine Meditation. Nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nur wahrnehmen und nichts bewerten. Da schreit ein Kind. Tief einatmen. Nein, bei Kindergeschrei hört jede Meditation auf. Ich habe keine Kinder und hier schrie eines um Hilfe.

Was ich sehe, entsetzt mich: Ein kleines Mädchen von drei oder vier Jahren steht vor einem Abgrund und schreit. Tränen der Verzweiflung. Unten drängt ihr großer Bruder: „Spring! Na, spring doch! Spring endlich! Spring!“ Sie will nicht springen. Sie hat Angst und leidet unter der Gefühlskälte ihres Bruders.

Was hatte ich mit geschlossenen Augen während meiner Meditation wahrgenommen? Eine laute Jungenstimme: „Warum rennst du mir ständig nach!“ Eine Mädchenstimme, die kaum Sprechen gelernt hatte, piepste ganz leise: „Aber ich will zu dir, weil ich dich gern habe.“ Nun sehe ich seine Rache. Machtspiele und eine dumme Mutprobe.

„Mutti! Muttiiii! Mutti?“ Herzzerreißendes Schluchzen. Verlassen von der eigenen Mutter und verraten vom großen Bruder an einem sonnigen Tag im April. Ich ahne, was in dem Mädchen vorgeht. Sehe mich am Beckenrand stehen, beim Schwimmtraining im Kindergarten. Spring! Ich kann noch nicht schwimmen. Spring doch, du Angsthase. Soll ich hier eingreifen, in Zeiten der Viruspanik und der befohlenen Distanz?

Mein Verstand schätzt die Höhe: Sprünge, die die eigene Körpergröße überschreiten, sind gefährlich. Drei Meter Tiefe hatte die Mutsprungschanze beim Militär, aber wir waren eingewiesen und landeten im Sand. Hier liegen Steine. Die Kleine erreicht höchstens ein Viertel der Sprunghöhe. Aber sie könnte zwei Meter daneben doch einfach hinunter laufen? Zwecklos, ihr das zu erklären – in Panik und gefesselt vom Bann ihres Bruders.

Höchste Zeit, dazwischen zu gehen. Ruhe gegen Panik. Ich gebe den freundlichen Onkel: „Halt dich fest Prinzessin, ich hebe dich herunter.“ Vertrauensvoll legt sie den kleinen Arm um meinen Hals. Das gab es in meinem Leben leider nie. Ich spüre ihr nasses Gesicht an meinem Hals. Ihr Weinen ist plötzlich weg. Ganz langsam setze ich sie neben ihrem Bruder ab. Das Weinen ist wieder da. „Mutti!“ Sie stolpert los.

Mein Gesprächsversuch mit dem Jungen scheitert. Ich unterbrach sein Machtspiel und war der Spielverderber. Wortlos schleicht er davon. Er ahnt nicht, was ihm fehlt. Meine Meditation kann ich vergessen. Auf dem Weg zum Teich sehe ich die Familie weiterziehen. Die Kleine weint noch immer an der Hand ihrer Mutter. Trostlos.

Zu Hause bemerkte ich: Das Kind hatte nicht nur Tränen im Gesicht. Das Mädchen war verrotzt. So schnell erwischt es mich? Zwei Tage lag ich matt auf dem Sofa und vertraute meinem Immunsystem, den Hausmittelchen, Vitamin C, D3, Zink und meinen Schutzengeln. Bloß jetzt nicht krank werden! Bloß jetzt nicht zum Arzt müssen.

Gut möglich, dass dieser zweifelhafte PCR-Test, das Gummi-Maßband der Gesundheitsämter, positiv, also für mich negativ, anzeigt. Dann würde das ganze Drama über mich hereinbrechen – wie im Fernsehen. Quarantäne, Isolation, schlimmstenfalls Krankenhaus und dort vorsichtshalber die künstliche Beatmung, woran allein ein Viertel zu Grunde geht. Nicht einmal bei meiner todkranken Frau zogen sie das in Erwägung. Jetzt verteilen sie Beatmungsmaschinen wie früher Antibiotika. Bloß das nicht!

Wie wäre es mit einer Differentialdiagnose? Vielleicht habe ich ja die Grippe, Rhinoviren, einen bakteriellen Infekt, ein Coronavirus vom vorletzten Jahrgang oder alles zusammen? Dafür haben die keine Zeit – wegen Corona. Also hatte ich wohl Corona. Vielleicht. Niemand weiß das. Zum Glück. In Isolation lebe ich sowieso, auch ohne Corona.

Ein Cousin starb vor Wochen. Als Risikopatient mit vielen Vorerkrankungen und Gebrechen musste er wegen einer Routinemaßnahme ins Krankenhaus. Sein PCR-Test fiel positiv aus. Symptome hatte er keine, aber hier widersprechen sich Akten und Arzt. Die folgende Isolation überlebte er zwei Wochen. Selbst das Telefonieren hatten sie ihm – wegen Corona – verboten. Besuche sowieso und am Ende auch die Sterbebegleitung. Mit Bitten und Betteln gestatteten sie am Abend vor seinem Tod ein letztes Telefonat.

Eine Krankenschwester verstieß dafür gegen Vorgaben. „Opa, du wirst doch bald wieder gesund!“ – sprach ein Enkelkind durch das Telefon. „Ja…“ kam es ganz schwach zurück. Als Kind bewunderte ich ihn immer, weil er so groß, schön und energiegeladen war. Um sein freundliches, dunkelgrünes Auto beneidete ich ihn. Jetzt ist er davon gefahren. Mit oder ohne Corona. Eine Krankenschwester aus der Großstadt hält mich auf dem Laufenden: Seit einem Jahr traut sich nur noch ein Drittel der Patienten in die Praxis. Coronafälle? Im letzten Monat gab es zwei positive Testergebnisse. Coronatote? Sie überlegt kurz: Keine, seit Beginn der Aufzeichnungen.  Um die fehlenden Einnahmen auszugleichen, könnten sie sich zum Dienst im Impfzentrum melden. Stundenlohn 150 € für Ärzte und 50 € für Hilfskräfte – ein Mehrfaches des sonst üblichen. Lass dich bloß nicht impfen! – rät sie mir. Ja, mach´ dir keine Sorgen. Die kriegen mich nicht.

Sieben Minuten pro Patient zahlen die Kassen dem Arzt in der Sprechstunde. Spricht er länger mit Patienten oder dauert die Diagnose seine Zeit, muss er das aus eigener Tasche bezahlen. Die ist leer. Er wird sich nicht zum Dienst im Impfzentrum melden. Lieber schlägt er, wenn er auf Patienten wartet, seine Bibel auf.

Wenn ich Corona hätte, oder eine andere schlimme Krankheit, möchte ich lieber zu Hause sterben. Ich kenne keinen Arzt, dem ich mich in diesem System anvertrauen würde.