Freimut, 60, verwitwet, Angestellter, lebt in einer ostdeutschen Kleinstadt

Vogelfrei

Bei uns lebte eine blau-gelb gestreifte Wellensittich-Frau, die nicht fliegen konnte. Oder wollte sie nicht fliegen? Sie war geübt darin, an den Stäben des Käfigs entlang zu hangeln. Vom ersten zum zweiten Futternapf – hoch, rüber, runter und zurück. Zum Wasserspender. Zur Schaukel. Sitzstange West. Sitzstange Ost. Abwechslungen misstraute sie. Bio-Vogelfutter? Abgelehnt. Das Wellness-Vogelbad? Ignoriert. Ein Ausflug mit Käfig in den Garten? Lautstarker Protest. Nie wieder. Als sie älter wurde, fiel sie häufig im Schlaf von der Sitzstange. Die Käfigtür konnten wir bedenkenlos offen stehen lassen. Nach draußen traute sie sich nicht. Ob sie trotzdem ein wenig glücklich war?

Vor Jahren schon war ihr Gefährte verschwunden. Ein einziges Mal standen Käfig und Balkontür offen, nur wenige Sekunden. So schnell wie noch nie flog er zur Tür, zögerte kurz, warf einen letzten Blick zurück und war verschwunden. Steilflug über die Dachkante. Unsere Suche blieb erfolglos. Traurig gingen wir nach Hause. Er wird nur einen Tag in Freiheit überlebt haben, an einem kalten Tag im März. Bestimmt erfror er in der Nacht – in Freiheit.

Sie blieb noch einige Jahre am Leben. Freiwillig in Gefangenschaft, bis sie an Altersschwäche starb. Wir begruben sie in einem Eierkarton, bedeckt mit Frühlingsblumen im Garten.

Wenn ich einen Tag coronafreie Zeit hätte, wüsste ich dann noch, was ich damit anfangen könnte? Würde ich ungläubig im Fernsehen beobachten, wie Menschen ohne „Maßnahmen“ leben? Umarmen, frei atmen, demonstrieren, diskutieren und drängeln im Bus. Dicht gedrängt nach Schnäppchen im Baumarkt jagen. Würde ich unter ihnen sein und die kurze Freiheit genießen?

Ein sogenannter Experte – ich kann beim besten Willen nur Abscheu empfinden – kramt auf der täglichen Pressekonferenz einen Zettel hervor und liest. Nie kann er einen vernünftigen Satz bilden, nicht einmal beim Ablesen. Für einen Tag seien die Maßnahmen aufgehoben, erfährt die staunende Welt. Als Dankeschön der Regierung an das folgsame Volk. Aha. „Das gilt, äh, ab sofort.“

Soll ich, wie einst im November, rasch mal „rübermachen“ nach Westberlin, bevor der eiserne Vorhang wieder fällt? Die Öffnung der Mauer wollten sie nach ein paar Stunden rückgängig machen – aber keiner traute sich das zu. Nach ein paar Tagen sollten Panzer rollen, aber keiner rückte aus. Nach ein paar Monaten sollte ein Putsch die alte Ordnung wiederherstellen. Aber die Putschisten waren alt und dement. So blieb es, wie es war. Ungeteilt.

Diesmal wird es bei einem Tag Corona-Freiheit bleiben. Zu viele glauben noch den grauen Herren. Was will ich von meinem langen Wunschzettel zuerst erfüllen? Sauna. Wellnessmassage. Tagesausflug ins Nachbarland. Essen in der Lieblingsgeschmacksmanufaktur.

Habe ich überhaupt frei oder fallen meinem Arbeitgeber ausgerechnet heute ganz dringende Aufgaben ein? In den letzten Monaten war ihm meine Arbeit schnuppe, denn der Staat zahlte. Plötzlich fällt ihm vielleicht ein, wieder als Unternehmer in Eigenverantwortung zu handeln? Wenigstens bliebe mir die Maske erspart. Meine Nasenspitze ist schon ganz platt gedrückt.

Oder nutze ich die offen stehende Tür, diesen winzigen Moment, und verschwinde ins Blaue? Wie gut, dass ich mich seit Monaten darauf vorbereitet habe, um die Maßnahmen irgendwie zu ertragen. Dem Leben einen Sinn geben, auch wenn der noch so fern liegt. Jetzt zahlt es sich unerwartet aus: Mein Fahrrad, mein Zelt, mein Boot, die ganze Ausrüstung – perfekt vorbereitet und weltweit einsetzbar. Ich schließe die Tür hinter mir ab. Wer weiß, ob ich wiederkomme? Nichts wie weg, weit weg. Dorthin, wo niemand weiß, wie Corona wirklich heißt.

Nur noch Wald, Wasser und Himmel. Und wenn ich dabei sterbe? Nicht so viele Sorgen machen – niemand stirbt den Tod, den er befürchtet. Ich wähle das Risiko. Ein Start wie aus dem Märchenbuch: Etwas besseres als den Tod in Deutschland finde ich überall.