Aufatmen hinter einer Maske, die das Atmen nicht wirklich leichter macht. Und doch hat sich in dem Zwischenraum von einatmen und ausatmen ein neues weites Feld aufgetan.
Aufatmen hinter der Maske, weil ich nicht maskenlos vor den Menschen durchatmen möchte, die sehr kurzatmig geworden sind. Die Fragen die ich mir heimlich aufatmend hinter meiner Maske stelle, versuche ich mir ohne Maske zu beantworten.
Darf ich denn zu Atem kommen, wenn um mich herum der Atem stockt?
Darf ich aufatmen, wenn ich weniger leide als andere?
Darf ich das, weil mein persönlicher Lockdown lang vor Corona begonnen hat?
Bei einer heißen Tasse Kaffee beantworte ich mir schließlich die Fragen mit einem kurzen bestätigenden Satz: Ja ich darf Punkt.
Denn nur dadurch, dass ich durch gewonnene Zeit, neu Atem holen kann, kann ich diesen hinter und auch vor der Maske an andere weitergeben.
Da, wo vor Corona 40-50 Kinder unsere Einrichtung bespielten, tobten, lärmten, malten, gestalteten, dürfen jetzt nur Geschwistergruppen und einzelne Kinder mit festem Termin zu uns kommen.
Aufatmen, hinter vorgehaltener Hand oder Maske, aber nein, ganz frei. Ich darf das.
Endlich gibt es jetzt einmal die Möglichkeit individuell auf die Kinder eingehen zu können. Sie bei ihren Hausaufgaben unterstützen zu dürfen und ihnen auch Spielzeit und kreatives Gestalten anbieten zu können. Zeit für Kinder, die ein größeres Maß an Aufmerksamkeit und Zuwendung benötigen. Eins zu eins Betreuung.
Aufatmen, weil nun Raum und Zeit ist, für die Unterstützung auch ganzer Familien.
Aufatmen, weil nun ein Projekt möglich wurde, Menschen im Seniorenheim mit gemeinsam gestalteten Karten zu erfreuen.
Aufatmen, aber dieser Atem wirklich hinter vorgehaltener Hand, weil viele Aktionen mit Sponsoren gestrichen wurden, die Verluste an Spendengelder beinhalten. Ich weiß nicht, wie ich ohne diese Streichungen über die Runden gekommen wäre, denn die Pflegesituation in meiner Familie hat sich in diesem Jahr immens verstärkt und fordert mich zeitlich und kräftemäßig stärker heraus.
Ich bin gespannt und auch ein wenig besorgt, was nach dem aufatmenden Einatmen kommt. Wie lange das Ausatmen noch diese Formen annehmen kann. Was wird, wenn meine Bedrängnisse durch äußere Lockerungen aufgehoben werden. Wenn wieder ein großer Ansturm vor der Tür steht und die Gleichzeitigkeit der anstehenden Aufgaben mich vor logistische Herausforderungen stellt?
Ich weiß nicht, wie es gehen wird, aber ich bin zuversichtlich, dass sich Lösungen finden werden. Zumindest kann ich mir Raum schaffen, Raum mit Papier und Stift. Ich werde weiter aufatmen, mit und zwischen jedem einzelnen Buchstaben.
Ich werde schreiben und atmen. Einatmen und ausatmen. Denn im Zwischenraum liegt ein weites Feld, das mich zum verweilen einlädt. Ein Feld mit einer grünen Wiese. Ein Feld auf dem Freude einen festen Platz hat und nicht vertrieben werden darf. Ein sonniges Feld. Ein Feld mit Schatten an heißen Tagen. Ein Feld, auf dem ich so manches liegen lassen darf. Zum Beispiel mich: auf einer Decke, und Geschichten lesen.