Trotz Corona geht es mir in meinem Körper rundum gut. Die erste Stelle in meinem Körper, die sich meldet, wenn ich diesen Satz sage, ist mein Gebiss. Warum spüre ich meine Zähne? Ist da über Nacht Druck entstanden? Was passiert mit meinem Gesicht? Seit Corona sind meine Augen oft trübe. Ich sehe unscharf. Meine Nase fühlt sich trocken an. Mein Mund lechzt nach Wasser. Mein Kopf fühlt sich schwer an, voll, zu voll. Seit wann ist das so?
Besonders stark fühle ich mein ganzes Gesicht, ja, die ganze Atemmuskulatur und Lunge nach dem Dienst in der Altenpflege. Nach 5 oder mehr Stunden fast ununterbrochen getragener FFP2 Maske lechzte ich nach Luft, frischer Luft. Endlich trete ich ins Freie, kann wieder ungehindert tiefe Atemzüge nehmen. Da blicke ich in gehetzte, verstörte Augen. Mehr sehe ich nicht von den Gesichtern, an denen ich vorbeilaufe, zu meinem Auto. Warum verhüllen die Menschen um mich herum ihr Gesicht? Habe ich die letzten Stunden auch so ausgesehen? So oft passiert es mir, dass ich bekannte Gesichter im ersten Moment nicht erkenne, wenn die Maske es verhüllt. Ich kann gar nicht mehr wahrnehmen, wie es meinem Gegenüber geht.
Der Anblick meiner Schwester und ihrer kleinen sechsjährigen Lisa mit Maske schockiert mich zutiefst. Mit viel zu großen Stoff Lappen im Gesicht betreten sie mein Geschäft. Die Kleine braucht dringend eine Toilette, doch eigentlich darf ich keine Kunden mehr auf unsere Mitarbeitertoilette lassen. Zeit Corona das Leben bestimmt. Auch meine kleine Nichte nicht? Selbstverständlich öffne ich die Tür zum WC, aber ich bitte meine Schwester, die Mund-Nasen-Barrieren abzunehmen. Ich ertrage den Anblick nicht. Sie sind doch meine Familie. Wir als Familie rücken zusammen, wenn Krankheiten oder Schwierigkeiten kommen. Wir sind füreinander da. Wenn jemand krank ist, eile ich sofort zu ihm. Noch nie wäre es mir in den Sinn gekommen, gerade dann Abstand zu halten, unsere Gesichter zu bedecken.
Nun werde ich immer mehr gedrängt, genau dies zu tun. Es verwirrt mich, ich versuche meinem Gegenüber zu erklären, dass er mich nicht schützen muss. Ich habe keine Angst vor Corona. Ich wünsche mir schon lange, die Krankheit einfach durchzumachen, um eine Immunität aufzubauen. Doch meine Freundinnen, meine Mutter, meine Töchter, meine engsten Vertrauten denken, es ist wichtig, die Maßnahmen umzusetzen. Einfach weil es so gefordert ist.
Doch ich begegne immer öfter Bekannte, die dankbar sind, dass sie ihren MNB abnehmen dürfen in meiner Anwesenheit. Ich darf meine MNB dann auch abnehmen. Wage ich mich, meiner Freundin eine Umarmung anzubieten? Spontan sage ich:“ Ich habe den grünen Punkt auf der Stirn. Mich darf man drücken.“ Ein Lachen flackert auf und wir liegen uns in den Armen. Stück für Stück erlebe ich, wie sich die anderen nach genau dieser Umarmung sehnen, und dass wir dies einfach so tun können. Doch der Druck, eine Maske zu tragen, wächst. Ich frage mich, warum ist dies ein Problem für mich?
Habe nur ich diese Beklemmungen? Diese störende Druck Gefühl im Gesicht? Aus medizinischer Sicht lerne ich, dass das Tragen der Mund-Nasen-Barrieren über längere Zeit sehr gesundheitsschädlich ist. Es tut mir gut, meine Gefühle und Empfindungen bestätigt zu bekommen.
Aber noch schwieriger und trauriger stimmt es mich, was es mit unserem Miteinander, in unserem Menschsein macht. Erst jetzt wird mir klar, wie viel eine freie Kommunikation durch Mimik und Sprache ausmacht. Gerade in der Arbeit mit demenzkranken Senioren brauchen wir eine klare Mimik und Sprache. Werden wir sie jemals wiederbekommen? Menschen mit Demenz gleichen in ihrer Wahrnehmung wie kleine Kinder. Sie lesen unsere Gesichter, checken ab, ob sie mir vertrauen können. Wie viel Wohlfühlatmosphäre ist damit verbunden!
Was für eine großartige Bedeutung ein „vertrautes Gesicht“ zu sehen! Was hat sich mein großer Gott dabei gedacht, uns Menschen und auch Tieren ein Gesicht zum Leben zu geben. Ein Gesicht ist der Ausdruck von Leben. Ist es nicht normal, dass mein Gesicht, ja mein ganzer Kopf schmerzt, wenn ich nur eingeschränkt leben darf? Wenn ich so viele eingeschränkte Gesichter sehe, frage ich mich, ob es den anderen auch so geht. Mich kränkt nicht der Virus, der Sars-Cov-2. Ich werde krank an mangelnden freien Gesichtern. Ich beschließe, so oft es mir möglich ist, mich mit Menschen mit freien Gesichtern und einer festen Umarmung zu umgeben. Das tut mir gut. So wird mein Kopf, meine Lunge, mein Gesicht frei. Der Druck, ja auch der Schmerz lässt nach.