Trotz Corona fühle ich mich rundherum wohl in meinem Körper. Der erste Körperteil, der sich nach diesem Satz mit Widerspruch meldet, ist mein linkes Ohr.
Ich bin eine Seitenschläferin und schlafe am liebsten auf der linken Seite ein. Seit zwei bis drei Wochen höre ich dann ein Geräusch in meinem linken Ohr. Es klingt ein bisschen so wie eine Miniexplosion eines Kristalls. Gerade steht ein Glas mit Mineralwasser neben mir. Wenn die Kohlensäurebläschen nach oben steigen und an der Wasseroberfläche platzen, gibt es ein ähnliches Geräusch. Nur höre ich das dann mit beiden Ohren. Und es gibt auch keinen ziehenden Schmerz im linken Ohr. In den ersten Tagen, als das Geräusch auftrat, habe ich versucht, es zu ignorieren. Ich habe mich einfach auf die rechte Seite gedreht und bin eingeschlafen.
Als ich letzte Woche bei der Massage war, war das Geräusch auch da, als ich in Bauchlage lag. Langsam fing ich an, ein bisschen beunruhigt zu sein. Also ließ ich mir für gestern einen Termin beim HNO geben. Erst holt er etwas Ohrenschmalz aus dem Gehörgang, das sich zu weit Richtung Trommelfell geschoben hatte. Dies könne aber nicht die Ursache für die Beschwerden sein, meinte er. Um Diagnosen wie Hörsturz und ähnliches auszuschließen, veranlasste er sowohl einen Hörtest als auch eine sogenannte neuro-otologische Untersuchung. Beide waren ohne Auffälligkeiten. Die gute Nachricht: Ich höre für mein Alter – ich bin 62 – noch sehr gut und brauche wohl auch in den nächsten Jahren noch kein Hörgerät. Nach diesen Ausschlussverfahren war der Arzt dann erst einmal mit seinem Latein am Ende. Er verwies mich an meine Zahnärztin, die solle mal meine Kiefergelenke untersuchen. Häufig würde man unwissentlich im Schlaf die Zähne zusammenbeißen, was dann zu Spannungen in den Kiefergelenken führe. Eine Aufbissschiene könne da Abhilfe schaffen. Nun werde ich heute also einen Termin in meiner Zahnarztpraxis machen.
Die Geräusche in meinem linken Ohr habe ich bisher nicht mit Corona in Zusammenhang gebracht. Eine Verbindung zu zusammengebissenen Zähnen kann ich da eher herstellen. Es verlangt mir zunehmend mehr Energie ab, in dieser herausfordernden Zeit zuversichtlich und optimistisch zu sein, auf eine baldige Impfung zu hoffen, auf ein maskenfreies Wiedersehen mit meinen Freundinnen, auf die Aufnahme meiner Arbeit (Leitung von Schreibgruppen), auf meine Hobbys (Singen im Chor, Qigong, Zumba, Standard-Tanzen). Vermutlich verarbeitet mein Unbewusstes nachts all diese Einschränkungen und Verzichte. Da ist es ein stimmiges Bild, die Zähne zusammen zu beißen, um die dafür nötige Kraft aufzubringen, um sich durchzubeißen durch diese Schwierigkeiten. Ich fürchte nur, dass eine Aufbissschiene dafür kein ausreichendes Gegenmittel ist.