Trotz Corona geht es mir sehr gut in meinem Körper. Die erste Stelle, die sich nach dieser Behauptung in mir meldet, ist meine Zwerchfellgegend. Bei dem Versuch, noch mehr ins Spüren und so in meinen Körper zu kommen, folgte ich einem spontanen Einatem-Impuls. Es ging nicht. Wieder ging es nicht. Dabei hatte ich gehofft, dieses letzte Relikt meiner Covid-Erkrankung hätte sich nun endlich – nach mehr als vier Monaten- verabschiedet. In den letzten Tagen hatte ich diese Blockade beim tiefen Durchatmen immer seltener gespürt. Grund genug, dem Lungenfacharzt weiter zu vertrauen, der mir versicherte, diese Nachwirkung würde auch noch verschwinden. Es sei eine Frage von wenigen Monaten.
Eine Frage der Zeit also. So wie alles eigentlich immer, aber in diesen Zeiten noch viel mehr, eine Frage der Zeit ist. Sollte mich dieses Faktum beruhigen? Besänftigen? Erzürnen? Verunsichern
Bei geduldigem Hinschauen merke ich: Es hat von allem etwas. Wir leben entschleunigter seit Corona. Nicht unbedingt freiwillig zwar, aber wenn man sich an Zwänge und Verbote gewöhnt hat, dann spürt man die heilsame Wirkung des Langsamer-Lebens. Wieder in Atemzug, der sich nicht zu Ende bringen lässt. Wieder diese Sperre. Mitten im Einatmen…
Nimmt mir der Gedanke an den Gewöhnungseffekt eines restriktiven Lebens den Atem? Eine Frage der Zeit – eine beschwichtigende Formulierung für „Wer weiß, wann?“ oder „Wann, wenn überhaupt?“ oder „Vielleicht nie mehr?“?
Wenn ich so innerlich meinen Kalender des letzten Jahres durchblättere, drängen sich dicke rote Striche in den Vordergrund, mit denen ich meine Herzens-Lebensinhalte canceln musste: Zugreise nach Apulien, Goldegger Dialoge, Familien-Wochenende, Weiterbildungs- Workshops, „Wort und Stille“- Auszeit in Rastenberg, Theaterbesuch mit den Enkelkindern, um nur einige zu nennen. Nicht viel anders fühlt es sich an, wenn ich nach vorne blicke. Eine Absage nach der anderen landet in meinem Briefkasten, analog oder digital: Wieder kein Weiterbildungs-Workshop, wieder kein „Kleiner Prinz“ mit den Enkelkindern, noch immer kein Yoga live, und so weiter… Eine Frage der Zeit eben.
Ich spüre, wie ungehalten ich schon bin und atme durch. Es geht reibungslos.
Jetzt frage ich mich: Spiegelt diese Unberechenbarkeit meines Atems vielleicht die ganze Corona-Situation wider, wie ich sie zurzeit wahrnehme? Diese für mein nicht mehr ganz so junges Leben neue Erfahrung der Unplanbarkeit? Das verstärkte Gefühl, nicht alles in der Hand zu haben?
Worauf soll ich mich noch verlassen können, außer auf mich selbst?
Oder- ist es vielleicht genau das? Zu lernen, mir selbst am meisten zu vertrauen?
Mehr innengeleitet als von außen gesteuert zu leben?
Dieser Gedanke fühlt sich gut an. Diese Idee weitet meinen Herz-Raum und verändert in diesem Moment auch ein wenig meine Perspektive auf die Corona- Situation.
Eine Frage der Zeit. Auch für diese Aussage nehme ich gerade einen Perspektivenwechsel vor. Ja, es stimmt: Mein Terminkalender ist in die Bedeutungslosigkeit versunken. Das schmerzt. Und es zwingt mich zum Innehalten (-wieder eine Lernaufgabe…-).
Andererseits blicke ich auf ein so reiches, erfülltes, kreatives Leben zurück, auf ein Leben in Fülle und Wohlstand, ohne einen Krieg oder andere Katastrophen erlebt haben zu müssen.
In diesem dankbaren Bewusstsein atme ich tief durch. Es geht. Nichts blockiert. Der Atem fließt.
Ganz anders fühlt es sich an, wenn ich an die Generation meiner Kinder und Enkelkinder denke.
Werden sie die neuen Herausforderungen meistern? Werden sie unter den während der Pandemie geschaffenen Rahmenbedingungen ihre Eigenmacht entwickeln können? Da muss ich wohl noch eine ganze Weile „trainieren“, um richtig gut durchatmen zu können.
Ich vertraue dabei dem Satz: Es ist eine Frage der Zeit. Und ich bitte ihn, gnädig zu sein und diese Zeit nicht in eine grenzenlose Ferne hinein auszudehnen.
Ich hoffe auf eine Zukunft, aus der meine Liebsten mit einem dankbaren Blick auf Corona zurückschauen. Dankbar, weil diese Zeit sie wachgerüttelt und zu solidarischen und selbstbestimmten Menschen geformt hat.