Die erste Stelle, die sich nach dieser Behauptung meldet ist mein Kopf und mein Nacken.
Hier herrscht Spannung und immer wieder kehrende Spannungsschmerzen. „Über uns kannst du jetzt nicht weggehen!“, ruft es mir laut und bestimmt entgegen. „Nein…“, denke ich, „bitte nicht. Über euch will ich jetzt wirklich nicht schreiben. Ein bisschen etwas unverfänglicheres wäre nett.“ Und damit ertappe ich mich und beschließe einmal zu horchen, was da so kommt. Mein Kopf fühlt sich an wie ein heiß gelaufener und überstrapazierter Motor. Latent überfordert und im Verstehen-wollen-müssen-Modus. Ich spüre ein deutliches Festhalten, ein Ziehen und klammern. Mein Hinterkopf und Nacken fühlen sich sehr fest an und ich spüre dort auch eine Art Druck. Wo soll das alles hinführen? Wann hört das endlich auf? Was hat das alles zu bedeuten? Ich will das so nicht! Wo ist hier der Ausgang? — Ich kann nicht aufhören mir Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.
Meine Körperspannung ist seit einiger Zeit in permanenter Hab-acht-Stellung. Das ist anstrengend. Und das verdichtet sich deutlich in meinem Kopf und Nacken. Zwar hat mir Corona gezeigt, dass es wirklich nicht so weitergehen kann, bei mir im Kleinen und auch im Großen mit den nächsten Krisen schon in Sichtweite. Aber mit dieser Erkenntnis, diesem Fingerzeig, kam auch die Ungewissheit. Mein Berufsleben steht gerade an einem Punkt, wo die Veränderung sich aufdrängt, mich aber zunächst mit vielen Fragen stehen lässt. Mein Lebensmodell kommt in dieser Krise an seine Grenzen.
Ich lebe als alleinerziehende Mutter mit meiner neunjährigen Tochter mitten in einer Großstadt. Umgeben von Menschen, und doch allein, fern von jeder familiären Anbindung. Im Lockdown schaut mir die Erkenntnis ins Gesicht, dass das so nicht länger tragfähig ist. Nur wir beide und unsere Katze. Es braucht eine Veränderung. Und auch hier gibt es zunächst nur Fragen. Nun ist die Lage im Lockdown auch nicht unbedingt die einladendste für großartige Veränderungen. Es ist eine Zeit des Rückzugs, der Einkehr; passend auch zur Jahreszeit, dem Winter. Und wenn ich mir das vor Augen führe, jetzt hier beim Schreiben bemerke ich, dass es dann vielleicht auch richtig ist, so wie es ist. Vielleicht braucht es diese Einkehr und die zunächst antwortlosen Fragen in dem so beschränkten Raum ohne die gewohnten Auswege und Ablenkungen. Und dann könnte ich auch ein klein wenig mehr loslassen.
Mein Kopf und mein Nacken freuen sich über diese Aussichten, das ist deutlich spürbar. Nachdem ich nun Jahre fleißig und professionell nach prompten Lösungen gesucht habe, fällt mir dieses Nichtstun gerade sehr schwer. Ich bin in Kurzarbeit und habe keine Aufträge. Der Motor ist also gerade im Parkmodus. und mir wird bewusst, wie wenig gut ich das aushalten kann. Ja, ich nenne es aushalten, denn angenehme ist es erst einmal nicht so gebremst zu werden. Und ich erkenne die Chance darin. Ich erkenne, dass es mehr gibt als das Rad des Alltags, des Arbeitens, um des Geldverdienens willen, mehr als das Sorgen und Funktionieren. Ich bin mehr und mein verspannter Kopf und Nacken erinnern mich gerade daran wieder etwas mehr loszulassen und mich trotz all der offenen Fragen und der angstbesetzten Coronazeit auf ein ganz anderes Lebensgefühl zu besinnen: Vertrauen.