Samuela, 52, allein lebend, freischaffende Künstlerin im Nebenerwerb, Nordrhein-Westfalen

Trotz Corona fühle ich mich rundum wohl …

Das erste Körperteil, das sich nach dieser Behauptung meldet, ist mein Kiefer. Und schon beiße ich wieder die Zähne zusammen, halte die Luft an und versuche die Gefühle im Griff zu behalten. Jetzt nicht die Angst zulassen oder die Verzweiflung oder die Wut. Kontrolle behalten! Locker bleiben …

Da ist es wieder dieses Paradoxon: In Anspannung locker bleiben, das wird nicht funktionieren. Warum habe ich das Bedürfnis, Gefühle zu kontrollieren, sie sind doch normal. Bei allem, was Corona uns an Veränderungen abverlangt, ist das Empfinden von Angst ein guter Schutz. Manchmal schleicht sich Zweifel ein, ob die Maßnahmen ihre Berechtigung haben und vor allem, ob sie uns ausreichend schützen können. Da erscheint eine Nachricht auf dem Handy, dass die Inzidenz im Lock-Down weiter steigt. Geimpfte Senioren infizieren sich in Heimen und Mutationen sind schneller als die Impfstoffentwicklung. Bilder von menschenüberfüllten Ausflugszielen am vergangenen Vorfrühlingswochenende. Das alles nimmt mir kurz den Atem.

Was macht dieses Virus mit uns?
Was machen wir mit dem Virus?
Was machen wir mit uns?

Während ich mich ins große Ganze frage, lockert sich mein Biss. Die Gefahren sind mir bewusst, manchmal ist mir das eingeschränkte Leben zu viel. die Veränderungen, die uns nach der Pandemie erwarten, werden hart sein. Hart für die Gesellschaft und hart für den einzelnen. Aber wir können es schaffen. Wir, die Menschen, sind von dem Virus betroffen, es infiziert unsere Gesellschaft, unsere Lebensform. Der Planet mit seiner wunderbaren Natur ist anders betroffen. Die Winterlinge blühen auch in diesem Februar und Bienen summen bereits in erster Sonnenwärme. Sie spüren die Bedrohung nicht. Es geht weiter im fortwährenden Kreislauf des Lebens.

Was macht uns betroffen, was lässt uns diese große Bedrohung erleben? Dieses Virus frisst sich in das Netz unserer Globalisierung, lässt rund um den Äquator, von Pol zu Pol, über Längen- und Breitengrade geknüpfte Verbindungen Faden für Faden reißen und auf einmal baumeln wir hilflos in der Luft. Lieferketten, Just-In-Time, Nahrungsmittelindustrie, Vielflieger, Nordsee und Südsee, Orient und Okzident, alle sind betroffen. Wirklich alle?

Irgendwo auf dieser Welt gibt es diesen Ort, wo eine Enklave, ein indigenes Volk in tiefer Verbundenheit mit der Natur und abgeschieden von der Zivilisation ursprünglich lebt – ohne Fernseher, ohne Raketen, ohne Fernreise. Sie tun jeden Tag, was sie gestern getan haben und morgen wieder tun werden. Sie sorgen füreinander und miteinander, teilen Nahrung und Erfahrung, leben in Gemeinschaft. Ihr Leben ist für unsere Maßstäbe unbequem, unkomfortabel, hart und primitiv. Täglich stellen sie sich Bedrohungen und Herausforderungen, bangen nach Regen um Existenz und leiden nach Dürre Hunger. Doch Abend für Abend, wenn die Nacht sich gnädig kühlend über die erhitzte Erde breitet, sitzen sie am Feuer und teilen ihre Erlebnisse, erzählen und lernen voneinander, finden Lösung um Lösung. Sie lachen und weinen, sie essen und trinken wie wir und doch sind sie ganz anders. Und wenn sie Glück haben, kommt kein neugieriger Forscher, der das Virus im Gepäck führt.

Im Sinnen über dieses einfache Leben entspannt sich mein Körper. Es hilft mir zu ahnen, dass es in diesem Irgendwo noch Normalität ohne Normen gibt. Ich träume mich in Urwälder und entspanne, im Geiste das Kreischen und Raunen, das Rauschen und Fließen der Natur hörend. Es wird mir immer klarer, dass Corona uns sehr verändern wird. Was wir in vergangenen Jahrhunderten hart erkämpft haben, zeigt seine Flüchtigkeit. Auf der fast überfließenden Waagschale liegen Komfort und Bequemlichkeiten, Wohlstand und Luxus. Auf der anderen liegen Gesundheit, soziales Leben und menschliche Werte. In der Gewohnheit des Überflusses betrauern wir jede Einschränkung. Berufliche Existzenzen stehen auf dem Spiel, monetäre Werte sind in Gefahr, Masken machen uns gleich und verbergen schönheitsoperierte Gesichter, aber auch die Male häuslicher Gewalt. Der SUV staubt in der Tiefgarage ein, das Establishment wankt mit jedem Statussymbol, das niemand bewundert. Hinter geschlossenen Türen ist das Leben nun privat. Niemand kommt.

Vielleicht wirft uns das Virus zurück zu echten Werten. Vielleicht werden wir die andere Waagschale mit menschlichen Werten füllen. Ein Überfluss, der beständiger ist, als Reichtum und Make-Up. Vielleicht finden wir dieses echte Gegenüber, das seine Geschichte mit uns teilt und uns im Inneren reich beschenkt. Es ist Zeit wesentlich zu werden und wenn wir das schaffen können, kann in der Entbehrung eine bessere Gesellschaft entstehen.