Anke, 38, Single, lebt und arbeitet im westlichen Ruhrgebiet

Trotz Corona fühle ich mich rundum wohl in meinem Körper

Die erste Stelle in meinem Körper, die sich nach dieser Behauptung regt, ist…

…bzw. sind meine Schultern. Sie hängen irgendwo auf halb 8, knapp unter den Ohren. Zusammen mit dem Nacken haben sie in den letzten Wochen und Monaten eine harte, knubbelige Gemeinschaft gebildet. Die Termine beim Physiotherapeuten sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Immer wieder spüre ich den Zug in meiner Nackenmuskulatur, die die Schultern so hochzieht, als wolle der Kopf zwischen ihnen verschwinden. Apropos Kopf, hier wütet wieder der Trigeminus. Ich brauch nicht lange hinzuspüren, da merke ich schon die klopfenden Schmerzen auf der Stirn, rund ums Auge. Jetzt heißt es sich beeilen, bevor der Schmerz sich ausbreitet und ein Weiterschreiben unmöglich macht.

Jedes Mal, wenn ich mich wieder mit Schultern unter den Ohren ertappe, schiebe ich sie bewusst nach unten und versuche mir diese „richtige Position“ einzuprägen und sie mir anzugewöhnen. Und während ich das gerade wieder einmal tue, spüre ich dabei auch meine Brustmuskulatur. Der Brustkorb darunter hat sich ganz eng gemacht. Jetzt fällt mir auf, wie flache ich meistens eigentlich nur atme. Denn nicht nur die Brust ist eng, der Bauch darunter ist genauso fest, eingezogen, nach innen gepresst. Das ist mir in den letzten Monaten schon häufiger aufgefallen, acht Jahren müsste ich eigentlich sagen. Früher hieß es immer „zieh den Bauch ein“, sieht besser aus und die Bauchmuskulatur würde den Rücken stützen. Tatsache, mein Bauch war fest und flach, aber der Rücken tat trotzdem weh. In letzter Zeit hingegen habe ich von Bauchtanzlehrern und in der Körperwahrnehmung immer wieder gehört, lockerlassen müsse man den Bauch. Er muss sich wölben und senken, natürlich bewegen. Nur mein Physiotherapeut mit Ende 50 sagt, der Bauch muss fest sein. Ziehen Sie ihn ein, dann geht es auch dem Rücken besser.

Mein Bauch ist fest und hart. In den letzten paar Wochen ist sein Grummeln lauter geworden. Oft macht er sich mit sprudeln und blubbern bemerkbar, dem bis in die Nacht ein Kneifen und Unwohlsein folgt. Jetzt gerade ist er still, außer Tee hat er heute Morgen noch nichts bekommen. Nach jedem ausatmen zieht er sich wieder in sich zusammen, als wollte er dem neuen Atem nicht den kleinsten Raum geben. An der Seite von meinem Bauch, an der rechten Seite, gibt es eine Stelle kurz unter der letzten Rippe, da tut es mir immer weh. Die Stelle ist mir schon seit Jahren wohlvertraut, wenn sie schmerzt, ist es immer ein sicherer Indikator für Stress. Alle körperlichen Untersuchungen blieben bislang ohne Befund. Es ist ein Schmerz wie Seitenstiche. Hartnäckig erinnert er mich daran, dass wir Belastungen eben doch nicht mal eben so wegstecken oder sie in den Klamotten hängen bleiben. Nein, sie fressen sich tiefer in uns hinein. Wenn die Seite schmerzt, dann erinnert es mich direkt wieder daran, dass ich etwas anders machen muss. Ich soll mehr Gutes für mich tun, besser auf mich achten und sie mahnt mich leise flüsternd, dass ich meine Hausaufgaben noch nicht gemacht habe. Zu viele Baustellen sind noch offen, nicht bearbeitet, nicht gelöst.

Trotz Corona fühle ich mich rundum wohl in meinem Körper. Nee, stimmt nicht, ruft die Rückseite meines rechten Oberschenkels. Das zieht es ganz gehörig, merke ich selbst hier nur scheinbar entspannt auf dem Stuhl sitzend und meinen Text schreibend. Dank Corona hatte ich nämlich so viel Zeit, dass ich meine Regale entrümpelt und mir beim ständigen bücken und strecken und schleppen den Oberschenkelmuskel ramponiert habe, was ich im betreffenden Moment selbst aber gar nicht mitbekommen hatte. Vom Ziehen in meinem Oberschenkel ist es auch gar nicht weit bis zu den verspannten Fußsohlen. Sie fühlen sich an, als wollten sie sich gleich unwillkürlich zum Krampf zusammenziehen. Meine lieben Fußsohlen wollen mir wohl drohen. Im Haus laufe ich nur auf Socken, dann melden sich beim harten Fliesenboden auch schnell die Fersen. Was meinen Fußsohlen fehlt, ist die Bewegung. Corona sind meine Sportkurse zum Opfer gefallen und nun hat der innere Schweinehund zugeschlagen, hinterlistig die Situation ausgenutzt. Corona Couching ist mein neues Hobby, die Füße auf der Sofalehne hochgelegt. Das schlechte Gewissen liegt immer direkt nebenan.

Was dabei hinter mir oder auf mir liegt, ist meine Wärmflasche. Sie ist mein liebstes Accessoire. Auch gerade jetzt auf dem Stuhl habe ich sie mir in den Rücken gestopft. Der Rücken, ach, der ist so lahm geworden wie mein ganzes Selbst. Rechts und links der Wirbelsäule kann ich an den Muskelsträngen zupfen wie an einem Seil. Für die Saite eines Instruments sind sie zu dick, zu starr, sie schwingen nicht. Viel zu viel Zug lastet auf ihnen. Mein Rücken fühlt sich an, als hätte ich Kisten geschleppt. Wund, lahm, durchgebrochen. Na, wohl eher durchgelegen.

Tagsüber, wenn ich für gewöhnlich meine wenigen Aufgaben erledige oder die, Corona nicht zum Opfer gefallenen, Termine wahrnehmen, dann funktioniere ich, bewege ich mich als wenn nichts wäre. Als „Kopffüßler“ bezeichnet mich mein Therapeut. Mein Körper ist nur mein Vehikel. Aber wenn ich mir hier die Zeit zu spüren nehme, dann zeigt sich doch ein anderes Bild. Mein Körper funktioniert, keine Frage, doch eigentlich hat fast jeder Teil eine Meldung zu machen, was alles im Argen liegt. Eine ganze Kakophonie von Beschwerden dringt an mein Ohr.

Mir ist gerade, als hätte mein Körper ein Coronasyndrom. Nein, ich habe keinen Schnupfen oder Erkältungssymptome, nur trockene Schleimhäute von der ganzen Heizungsluft. Aber mein Körper, der hat eine ganze Verklemmung. Vielleicht haben sich in all den verschiedenen Haut- und muss Gewebeschichten und in den Faszien, wie man heute sagt, seit Monaten all die Schreckensnachrichten über Corona abgelagert. Wer fährt nicht in sich zusammen wenn er abends im TV schon wieder von den neuesten Maßnahmen und Entwicklungen hört.

Ich will meinem geplagten Körper ein Versprechen geben: keine weitere Infoflut. Einatmen. Ausatmen. Die ersten Frühlingstage genießen. Draußen mit Abstand. Einatmen. Ausatmen. Und lass den verdammten Bauch locker!