Der erste Körperteil, der sich nach dieser Behauptung meldet, ist mein Nacken. Genauer gesagt der Muskel, der vom Nacken Richtung Schulter führt. Oje, mir fehlen die anatomisch korrekten Begriffe. Schon lange einmal wollte ich mir ein Körper-Bilderbuch kaufen. Jetzt aber still! Der Nackenmuskel hat etwas zu sagen. Wie auch immer er genau heißt. Schon gut, ich bin jetzt still und lausche.
Das ist absolut typisch für dich, sagt er vorwurfsvoll. Du machst mich immer ganz flott mundtot. Sowie ich mich melde.
Wirklich? Stimmt das? Hm.
Du ignorierst mich!
Naja, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Na klar spüre ich deine Meldung, dein leises Anklopfen. Aber es stimmt schon, oft höre ich die leisen Töne gar nicht, du wirst übertönt von all den anderen Stimmen, die rufen, brüllen, kreischen.
Keine Zeit. Gleich ist der nächste Zoom-Call. Hör nicht auf das Schmerzgewimmer des blöden Nackens. Die Arbeit am Computer ist wichtig. Und so schlimm wird es ja noch nicht sein mit seinem Schmerz. Der Nacken will sich nur wichtig machen.
So tönt es in meinem Kopf. Ach ja, mein Kopf. Auch er pocht gerade, da ich das Wort „Kopf“ schreibe. Pocht dumpf über dem linken Auge gegen die Stirn, drückt dabei ein wenig aufs Lid. Mein Lid, das vom Heuschnupfen sowieso ein bisschen geschwollen ist. Da! Horch, spür! Der Kiefer meldet sich. Streng schiebt sich der untere ein klein wenig nach vorn, drückt dann langsam und mit Kraft gegen den oberen. Reibt und schabt an den Backenzähnen. Nein, das ist absolut keine zarte Leckerei. Das ist direkt harte Kost. Ich frage ihn: Hallo du, was willst du mir sagen? Was zermalmst du da so wütend zwischen meinen Zähnen? Warum beißt du sie zusammen? Damit dir bestimmte Worte nicht entweichen? Erwischst sie noch rechtzeitig an ihrem letzten Zipfel, bevor ihr Satzanfang deine Höhle verlassen und in der äußeren Welt zum Ton, zum geformten, klingenden Wort, gar zu einem ganzen Satz werden könnte? Du ziehst ihn zurück ins Dunkle und zerquetschst ihn gnadenlos, bevor er je die Chance hätte, auch nur das kleinste Tönchen von sich zu geben. Was wäre es gewesen? Welches Wort? Welche Botschaft?
Was? mischt sich die Schulter ein. Du hättest die Botschaft doch sowieso überhört. Der Kiefer kann sich seine Mahlwerksmühe ruhig sparen. Du bist ein Weltmeister im Ignorieren.
Hui, das ist aber starker Tobak. Jetzt kribbeln auch noch meine Finger der rechten, der schreibenden Hand. Was habt ihr Finger denn dazu zu sagen?
Halte den Stift nicht so verkrampft!
Okay, ich probier’s. Schnell streiche ich mir vom Nacken Richtung Schulter.
Mehr, mehr! schreien die Muskeln dort. Nicht die Hand wegnehmen. Geh ins Bad und hol das nach Orangen duftende Massage-Öl. Ja, das wollen wir jetzt. Lass das blöde Schreiben. Geh raus. Geh spazieren. Wende dein Gesicht der Sonne zu. Dreh und wende den Hals ganz langsam. In alle Richtungen. Mobilisiere uns. Wir wollen spielen. Wir fühlen uns immer so eingesperrt. Wir wollen gebraucht werden. Wollen in Bewegung sein. Immer verdonnert zur gleichen, fast unbeweglichen Haltung. Das tut uns nicht gut. Das ist doch gar nicht unsere Bestimmung.
Jetzt rufen und kreischen alle Muskeln rund um Nacken und Schultern wild durcheinander. Sie haben sich gegenseitig total hochgeschaukelt und zetteln nun diese kleine Revolte an. Ich bin erschüttert. Ich… ich… Was soll ich nur entgegnen? Was habe ich zu meiner Verteidigung zu sagen? Vor lauter Fingerkribbeln wird meine Schrift schon ganz krackelig. Nein! Jetzt auch noch der untere Rücken. Was willst du denn? Dir habe ich doch gestern 90 Minuten Yoga gewidmet. Habe dich gedehnt, gestreckt, gerundet und wieder gedehnt. Was hast du denn zu maulen?
Ich fühle mich durchs viele Sitzen überlastet, ich beantrage Urlaub!
Urlaub? Was denkst du dir eigentlich? Das wollen wir doch wohl alle. Jeder deiner Körperteil-Kollegen sehnt sich danach, sehnt sich nach der frischen Meeresbrise, nach dem Blick in die Weite. Nach dem vielen Draußensein, dem Fahrradfahren, dem Lachen. Ja, vor allem nach dem Lachen sehnen wir uns. Danach, dass einfach alles wieder gut ist.
Wir wollen unsere Unbeschwertheit zurück! kreischen sie plötzlich alle auf einmal. Wir, die Gewerkschaft von Finger- und Zehenspitzen, von Faszien und Muskeln, von Dick- und Dünndarm, von Augen und Ohren, von Kniescheiben und Hüftgelenk, wir fordern unser altes Leben zurück. Wir wollen nicht den ganzen Tag zum Stillhalten am Computer verdonnert sein. Wir wollen Spiel und Spaß. Bewegung. Tumult. Frohsinn. Jawoll! Jetzt. Hier. Sofort und für immer!