Die erste Stelle in meinem Körper, die sich meldet, wenn ich das behaupte ist meine Nase.
Meine Nase sagt mir, dass hier irgendetwas gegen den Himmel stinkt. Ich bin in einem therapeutischen Beruf tätig und trage seit letzem Jahr bei der Arbeit eine Maske. Jetzt gerade fühlen sich meine Nasenlöcher außen am Rand feucht an, innen aber sehr warm und sehr trocken. Ständig meldet sich die Nase und will geputzt werden. Heraus kommt nur leider nichts. Das Taschentuch wird nur ganz minimal feucht. Je länger ich arbeite, desto mehr spüre ich am Abend, wie viele Themen alleine mit dem bedeckten Mund und der bedeckten Nase einhergehen.
Zuvorderst die finanzielle Problematik. Die Masken kosten sehr viel Geld. Wenn ich acht Stunden arbeite muss ich im Prinzip fünf Mal eine neue Maske aufsetzen. Das sind Zusatzkosten von 5 Euro am Tag – 25 Euro in der Woche – 100 Euro im Monat – bei acht Mitarbeitern 800 Euro. Ob man mit furchtbar schlechtem Gewissen die Maske so oft wechselt, wissend, was man da wirtschaftlich „anrichtet“ oder ob man mit furchtbar schlechtem Gewissen die eigene und die Gesundheit der Anwesenden in der Praxis gefährdet, bleibt dahingestellt.
Das nächste Thema, das in meinen Gedanken aufkommt, ist die ökologische Problematik. Auch wenn die Masken fachgerecht entsorgt werden, und die Plastikverpackung vielleicht recyclingfähig ist – den entstehenden globalen Müllberg möchte ich mir garnicht vorstellen. Mir reicht, dass ich beim spazieren gehen im und um mein Heimatdorf, auf den letzten 12 Spaziergängen pro Kilometer 1,2 Masken vom Boden aufhebe, um sie in den Mülleimer zu werfen. Wie lange all‘ die anderen Masken, die sich überall in der Natur befinden, zum Verrotten brauchen, weiß ich nicht.
Das Dritte, für mich das schwierigste und unangenehmste Thema ist das Verhüllen der Mimik. In meinem Beruf ist es sehr hilfreich, die Menschen, die sich mir anvertrauen, im Ganzen zu sehen. Es kommt mir im vergangenen Jahr so oft vor, dass ich nicht zuverlässig die Reaktion des Gegenüber deuten kann. Ich fasse an eine Stelle am Körper, die möglicherweise Ursache oder Symptom sein könnte, sehe aber nicht die vollständige Reaktion. Schmerz oder Wohlgefühl und alle Facetten dazwischen kommunizieren wir Menschen nun mal hauptsächlich via Mimik. Mir entgeht so viel, das ich mühevoll nachfragen muss. Wobei sich auch das Nachfragen sehr oft nicht einfach gestaltet, denn Sprechen und Dialog nutzen das gesamte Mienenspiel des Gesichtes. Schwerhörige Menschen können sich gewöhnlich mit Lippenlesen „durchmogeln“, auch diese Art der Kommunikation wird mit Maske unmöglich. Das laute Sprechen wird von Tag zu Tag anstrengender. Von jemandem körperliche Anstrengung mit Maske zu verlangen, Übungen anzuleiten, Menschen auch zu Motivieren, Dinge zu erklären, Mut und Hoffnung mit aufmunternden Worten zu verschenken fühlt sich unendlich schwer an.
So ist es auch absolut kein Wunder, dass ich sprichwörtlich und auch wirklich „die Nase voll habe“.
Danke liebe Nase, für Dein Melden. Jetzt bekommst Du ein leckeres ätherisches Öl zu riechen und später einen – unverhüllten – langen Spaziergang in der Sonne.