Wenn ich das behaupte, regt sich Protest. Mal leise, mal lauter. Es sind … meine Beine!
Ich laufe für mein Leben gern. Mit Sonnenaufgang bin ich unterwegs. Und ich laufe entlang des Flusses oder des Sees, über Felder oder den Berg hinauf auf die Höhen, von wo aus ich alles überblicken kann: den Morgen, der erwacht, die Ruhe, die noch über allem liegt. Hinter den Fenstern Betriebsamkeit, die sich mir verschließt.
Meine Beine melden sich bereits mit dem Aufstehen. Sie wollen nicht immer so wie ich es will. Zunehmend macht sich Schwere breit, „Anlaufschwierigkeiten“ erobern sich den Start in den Tag. Ich muss mich sortieren. Ich, die ich eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben stehe, hadere mit ihnen und mit mir selbst. Das Alter schmerzt, es muss erst alles richtig „eingefädelt“ sein, nicht so wie ich es vermisse: Augen auf, raus in die Welt, was bringt der Tag heute?
Diese Zeiten vermisse ich, doch es darf so sein wie es ist: Augen auf, raus in die Welt, was bringt der Tag heute? Nur alles etwas langsamer, behutsamer mit mir selbst. Und dann sind es die langsamen und behutsamen Gefühle, das Tun, das so manchen Tag erfüllt und zufrieden macht. Zu wissen, ich muss nicht mehr schnell, ich darf mir Zeit nehmen, mein Leben dem Alter angepasst leben und darüber nicht vergessen: Ich bin (trotz Corona) gesund! Das lässt jeder Tag mich aufs Neue spüren und mich demütig werden.
Ein wunderbarer Satz einer begabten Künstlerin auf einer Spruchmünze begleitet mich seit vielen Jahren „Menschen, die alles bedenken, ehe sie einen Schritt tun, werden ihr Leben auf einem Bein verbringen.“ Vielsagend!
Also, wenn sich meine Beine wieder einmal Gehör verschaffen, dann warte ich meinem Alter angemessen einen Moment, sortiere mich und mache meinen ersten Schritt in den Tag, dem noch so viele Schritte folgen, und ich dabei offen bin für das, was kommt. Denn mein Leben will ich nicht auf einem Bein verbringen!