Milena, 57 Jahre, Sozialpädagogin aus dem Ruhrgebiet, Mutter dreier studierender Kinder, Hausgemeinschaftlerin, Natur-und Literaturliebhaberin

„Trotz Corona geht es mir rundum gut!“

Wie großartig diese Behauptung, ich fühlte mich in meinem Körper rundum wohl! Kaum höre ich diesen Satz, melden sich schon meine müden Augen und erheben Einspruch: „Wir hatten zu wenig Pause! Du hast gestern wieder viel zu lange am PC gesessen, das war sehr anstrengend für uns! Da hätte es uns sehr gut getan, ein, zwei Stündchen mehr Schlaf zu bekommen.“

Ja, das stimmt. Ich mute ihnen oft sehr lange sehr viel zu, ohne ausreichende Pausen. Es geht ihnen nicht schlecht, sie klagen nicht über Schmerzen, nur über Anstrengung, was aber heißt: Sie haben nicht bekommen, was sie gebraucht hätten, um sich rundum wohl zu fühlen…

Ich wende mich meinem Körper zu und frage in die Runde: „Wer hat etwas zu melden? Wer fühlt sich unbeachtet? Wen schmerzt es?
Noch während ich meine Fragen stelle, ahne ich schon, wessen Stimme ich nun hören werde und… Ja, da ist sie schon. In der letzten Zeit hat sie sich öfter gemeldet, die linke Seite des Brustkorbes unterhalb des Herzens, die Muskeln zwischen den Rippen. Manchmal fühlt es sich an wie ein einziger flächiger Schmerz, etwa handtellergroß.

Was sagt diese Stelle? Sie ist nicht vorwurfsvoll, aber beharrlich. Immer wieder nehme ich sie wahr, aber ihr zuhören – das ist was anderes. Ich höre ihr nicht so gern zu, das gebe ich zu. Ich fürchte, sie hat mir etwas Wichtiges zu sagen.

So beschließe ich, dass heute eine gute Gelegenheit zum Zuhören ist: „Erzähle!“, sage ich zu ihr.
Und sie beginnt, zaghaft zunächst, ich muss mich ihr näher zuwenden, aufmerksamer zuhören, um sie zu verstehen. Sie gehört nicht zu den Trompetern.

Sie spricht zu mir von Verspannung. Ver-spannung…sie hat sich in Spannung begeben, okay, aber etwas daran ist ihr nicht recht gelungen…hat sie sich vielleicht in die falsche Richtung gespannt oder zuviel des Guten versucht? Oder hat sie nicht rechtzeitig geschafft, die Spannung wieder zurückzunehmen und aufzulösen? Womöglich eingeklemmt in eine Haltung, die ihr, meiner handtellergroßen Stelle an meiner linken Seite, dadurch so schwer zu schaffen macht?
Eindringlich appelliert sie nun an mich: „Ich brauche mehr Platz!“ Sie wolle sich nicht vordrängen, sich nicht aufblähen, aber ohne mehr Platz gehe es für sie nicht!

Nun komme ich ins Überlegen:
Was habe ich denn in den letzten Monaten anders gemacht, das ihr im Ergebnis so zusetzt?
Seit drei Monaten nehme ich sie immer häufiger wahr.
Drei Monate sind vergangen seit dem zweiten Lockdown.
Drei Monate, die ich nun im Home Office zubringe.

Im Wohnzimmer habe ich mir eine Büroecke eingerichtet, mit dem Gartentisch als Schreibtisch, der bequemste Küchenstuhl wurde mein Bürostuhl. Wahrlich kein perfekter Arbeitsplatz, auf die Dauer ist in diesem Büro nicht so gut sitzen. Immerhin: wenn ich zwischendurch vom PC aufschaue, habe ich einen freien Blick in die Kronen der Birken und in den Himmel.

Mit der Zeit wurde mir manchmal das Atmen schwer, das fiel mir auf. Seit Monaten sehe ich meine Teamkolleginnen nur per Zoom, kaum persönlicher Austausch, keine Plauderei an der Kaffeemaschine im Büro, kein Anklopfen an der Tür:“ Hast Du mal einen Moment?“, keine gemeinsamen Mittagspausen.

Aber es ist nicht nur das. Dazu drängen sich die coronadominierten Nachrichten aufdringlich in jeden meiner Tage. Freunde und Bekannte tasten sich ab, welche Haltung denn das Gegenüber im Hinblick auf die Pandemie hat.

Wenn ich mit meinen Kindern telefoniere, die auswärts wohnen, gleichen wir die jeweiligen Inzidenzwerte in unseren Städten ab. Ich sehne mich nach einem Wiedersehen mit ihnen, die ich -auch seit drei Monaten!- weder gesehen, geschweige denn umarmt habe, mit denen es keine gemeinsamen Abende mit Kochen, Musikhören und Gesprächen gab und, und…und ich halte die Luft an, ich atme flach. So ist es einfacher, vernünftig zu sein, nicht etwa auf Treffen zu bestehen, sondern Sätze zu sagen wie: „Das ist halt jetzt so, es wird besser werden und wir sehen uns bestimmt bald.“

Im Dezember hatten wir uns für Mitte Februar verabredet, jetzt hoffen wir auf Ostern… trotz allem bemühe ich mich immer wieder sachlich zu sein, die Hoffnung hoch zuhalten. ich verschicke Päckchen, spreche hoffnungsvolle, ermutigende Worte zu ihnen und zu mir, mache Pläne, wissend, dass ich sie vielleicht schon morgen verwerfen werde. Und dahinter höre ich manchmal zu allem Überfluss meine innere mahnende Stimme: „Du musst Dich auch nicht so wichtig nehmen…wir haben es hier noch richtig gut verglichen mit den Menschen in ärmeren Ländern.“ Wo aber soll das denn alles hin, der Verlust, die Klage, die Sehnsucht…

Mein Atem, die Rippen und die Muskeln zwischen ihnen, das Zwerchfell, und vor allem mein Herz, sie alle sagen mir:
„Wir brauchen es dringend uns ausdehnen zu dürfen!
Recke Dich. strecke Dich, spüre Dich!
Atme durch!

Wir werden auf jeden Fall mitmachen.
Auf uns kannst du zählen!“