Astarte, 68, gehbehindert, wohnt mit Mann und drei Kindern im eigenen Haus mit Garten rundherum, trotzdem meistens alleine und rafft sich kaum auf, das Haus zu verlassen

Trotzdem

Trotz Corona geht es mir in meinem Körper rundherum gut.
Frage an meinen Körper: Irgendwelche Widersprüche?
Mein Körper meldet sich sehr wirr, als wären da tausend Stimmen aber keine Worte.
Selbst meine Schreibhand kommt aus dem Takt und hat Mühe, korrekte Buchstaben auf das Blatt zu setzen.

Zu meiner Überraschung spüre ich hinter dem Brustbein eine große Freude aufsteigen, wie eine Sonne, die meine verwirrten Körperteile wärmt und ins rechte Licht setzt.
Ein Unwohlgefühl stellt sich auf meinem Rücken knapp unter den Rippen ein, eine schweigende Rebellion. Ich reagiere mit Schaukelbewegungen von vorne nach hinten und von links nach rechts, verändere meine Sitzposition.

Eine Druckstelle über meinem linken Ellenbogen macht sich bemerkbar, als würde mich da jemand festhalten, nachdrücklich festhalten und mit sich ziehen.
Während ich das aufschreibe, ändert sich meine allgemeine Befindlichkeit, als hätte ich eine neue Seite in einem Buch aufgeschlagen. Ein dumpfer Druck auf den Magen, ein Kitzeln auf dem rechten Ringfinger, ein starkes Höhlengefühl in meinem linken Ohr, alles gleichzeitig.
Wieder kommt das Gefühl auf, als würden tausend Stimmen durcheinanderschreien, ein leichtes Zittern im Unterleib.

Meine Aufmerksamkeit gleitet zurück zu meiner linken Hand, zur Handwurzel, genauer gesagt, als hätte mich da ein Nagel durchbohrt, so fühlt es sich an. Erinnerungen an ein ganz bestimmtes Kreuz.
Ich muss meiner Schreibhand gut zureden, damit sie beim Schreiben nicht aus den Buchstaben gleitet.

Die Reise geht weiter zu meinem linken Knie, zu einer Schmerzstelle knapp oberhalb der Kniekehle, eine zweigeteilte Empfindung, einerseits innen drinnen, andererseits der Druck der Bettkante von außen und knapp daneben – ja, ich sitze auf meinem Bett – zweierlei Gefühle sind das, die irgendwie im Dialog miteinander zu stehen scheinen. Ein starker Zug an der Unterseite des Knies, dann eine bewusste Gegenbewegung, die unbedingt nötig schien.
Meine Ohren hören Vogelgezwitscher und machen sich weit, genießen, innere Sehnsucht nach angenehmer Ablenkung; Hundegebell, meine Ohren machen wieder zu, das Bellen klingt zornig.
Ich bin unruhig in der Magengrube und kratze mich am Nacken. Eine Gänsehaut zieht außen über meine Wangen, es sticht im rechten Ohr.

Jemand hantiert gut hörbar draußen in der Küche, weit weg und trotzdem irgendwie tief in mir drinnen.
Immer noch dieses seltsame Gänsehautgefühl rund um mein Gesicht, mein Nasenrücken juckt, muss kratzen.

Mein Kopf meldet an Schreibhand: Du solltest langsam aber sicher zu einem Ende kommen, Ende einer seltsamen Reise am Ende einer Buchseite. Es schweigt in mir. Im Außen setzt Musik ein.

Trotz Corona: Alles ist gut! Alles ist gut! …. Alles ist gut! ….