„Trotz Corona geht’s mir rundum gut !“ behaupte ich wider besseres Wissen und vertraue in diesem Moment der intuitiven Selbstmotivation. Ich beachte vornehmlich die positiven Aspekte einer Situation, ohne die negativen zu ignorieren. Es fällt mir leichter Aus- oder Umwege einzuschlagen, wenn ich Steine, die in meinem Weg liegen, nicht als blockierendes Hindernis, sondern als Herausforderung ansehe. Mit dieser Einstellung nehme ich entspannt Platz, um in der Morgengruppe zu erfahren, ob und wie sich mein Körper zu obiger Behauptung verhält: „Trotz Corona geht’s mir rundum gut.“ Meine nackten Füße spüren den Holzboden, meine nervös verbissenen Kieferknochen lösen sich. „Mir geht’s rundum gut!“…und mein ganzer Körper lacht mich aus.
Mein Körper und ich – zwei Texte auf einem Blatt. Jetzt, wo ich behaupte: „Mir geht es trotz Corona rundum gut,“ beginnen als erste meine Schultern zu kribbeln. Genau genommen sind es die chronisch verspannten Schultermuskeln, die kribbeln und prickeln als wollten sie sich in feinste Stränge zerlegen. Damit habe ich nicht gerechnet. Meine morgens noch zwickende Niere, mein geschädigtes Knie, die überlasteten Fußgelenke… schweigen. Mein Magen, zuverlässige Alarmanlage, ruht wie ein satter Pudding in mir.
Meine Schultern, die mit mir wortwörtlich das Leben schultern, die sich stets zuverlässig zusammenzogen , damit ich mich rechtzeitig wegducken konnte, die die Kraftlosigkeit der Arme und des Rückens ausgleichen, die kribbeln und fordern: „Dehn den Nacken! Nimm uns zurück! Zieh uns hoch – lass uns fallen!… Erinnere dich an die „Windmuhlenflügel“ !“ Sie meinen das Vor- und Zurückkreisen der Arme, das ich, gefühlt,, seit Schulsportzeiten nicht mehr praktiziere. Ich bin überrascht und sprachlos. Bis auf die Windmühlenflügel folge ich den Aufforderungen und spüre, dass meine Schultern langsam warm werden. Um ehrlich zu sein, ignoriere ich die sogenannten „Zipperlein“ in der Regel und ich weiß, dass es mir auch vor der Pandemie nicht „rundum gut“ ging. Aber ich war im alltäglichen Trott unterwegs, dem Rhythmus der Gewohnheiten folgend, zu dem spontane, flexible, schnelle Abweichungen von jedwedem Plan gehörten.
In jeder Krise finden sich neue Chancen. Mir wird wieder einmal deutlich bewusst, dass alles Gewohnte hinfällig ist, dass ich flexibel, aber nur langsam reagieren kann. Die Gewohnheiten ruhen wie ein satter Pudding, ich dehne die Zeit. Das Gruppentreffen endet und ich weiß, dass es mir trotz Corona ziemlich gut geht. Zeit die Windmühlenflügel kreisen zu lassen.