Trotz Corona geht es mir rundum gut. Die erste Stelle in meinem Körper, die sich meldet, wenn ich diesen Satz sage, ist mein Nacken. Mein Nacken ist mit diesem Satz gar nicht einverstanden. Er schmerzt. Er ist verspannt. Er tut einfach weh. Und jetzt mach ich mal etwas, das ich gerne mache, wenn „etwas“ nicht stimmt in meinem Körper. Ich wende mich meinem Nacken zu und frag mal nach, was denn da los ist. Ich stelle mir vor, mein Nacken sitzt mir gegenüber und ich kann mit ihm reden. Ich gebe ihm einen Namen und der – oder eigentlich die – heißt Neggy.
Jana: Grüß dich, Neggy. Wie geht es dir?
Neggy: Grüß dich. Das ist aber schön, dass du mich das fragst. Das hat wirklich schon lange niemand mehr gemacht.
Jana: Oh, das tut mir leid. Ja, mich interessiert es wirklich, wie es dir geht.
Neggy: Weißt du, es ist irgendwie seltsam – seit alle von diesem einen Thema reden, von dieser Krankheit, die um die Welt geistert, diesem Corona, kommt mir vor es gibt nichts anderes mehr, worüber man sprechen könnte. Und das ist für mich inzwischen richtig anstrengend. Den Kopf oben zu halten, weißt du?
Jana: Wie meinst du das?
Neggy: Naja, ich hab irgendwie das Gefühl, ich sollte immer schön still sein und meine Arbeit machen. Alles andere interessiert niemanden.
Jana: Was ist denn deine Arbeit? Was musst du denn da so machen?
Neggy: Naja, den Kopf hochhalten. Weil, der muss ja so viel denken, soviel beachten, soviel überlegen. Das ist manchmal so anstrengend.
Jana: Wie machst du das denn? Den Kopf hochhalten?
Neggy: Ich spann mich dabei richtig an. Das ist inzwischen richtig anstrengend. Jede Faser tut mir weh. Die Muskeln werden immer härter.
Jana: Das stelle ich mir ja schlimm vor. Ist das immer so? Oder gibt es auch manchmal Zeiten, wo dir nicht alles weh tut?
Neggy: Ja, schon. Diese Zeiten gibt es auch.
Jana: Das klingt gut. Wann ist denn das?
Neggy: Wenn der Kopf liegen darf und auch die Schultern. Dann raste ich mich aus.
Jana: Möchtest du denn davon mehr haben?
Neggy: Ach nein.
Jana: Ja. Und dann? Wann ist es denn sonst noch besser?
Neggy: Weißt du, früher, da hab ich so oft ein herzhaftes Lachen gehört aus dem Mund. Oder so schöne Töne, da hat sie gesungen. Ach, war das schön. Da hat sie ihren Kopf ganz leicht bewegt und da ging es auch mir richtig gut. Da hat mir nichts weh getan.
Jana: Das klingt ja aufregend. Du sagst also, wenn sie singt oder lacht, dann geht es dir gut?
Neggy: Ja, davon kann ich gar nicht genug bekommen. Manchmal hat sie auch getanzt. Hui, da drehte sich alles und ich hatte so einen Spaß. Aber das ist schon lange her. Jetzt ist es still geworden. Sie singt nicht mehr und tanzt nicht mehr.
Jana: Oh, das klingt traurig.
Neggy: Ja, das ist es auch.
Jana: Und lachen? Lacht sie manchmal?
Neggy:i Ja, das schon. Gott sei Dank. Da kann ich mich ausrasten. Da ist alles gut. Und weißt du, jetzt, wo ich dir das alles erzählen kann, ist es auch ein wenig besser. Es tut schon noch weh, aber irgendwas ist anders geworden.
Jana: Hmm. Kann das sein, dass es dir einfach guttut, wenn du das mal erzählen kannst?
Neggy: Ja, das tut sehr gut. Das tut nicht nur mir gut. Ich glaube, da haben mehr was davon. Schau mal, siehst du das? Sie wischt sich immer wieder eine Träne weg. Das tut gut, dass die mal raus dürfen. Es ist sogar fast so, als würde auf einmal der Kopf ein wenig leichter werden.
Jana: Hmm. Das macht mich jetzt richtig betroffen.
Sag, hast du eine Idee – was wird mit dir, wenn ich mich wieder mit anderen Anliegen befasse? Wirst du es auch ohne mich schaffen?
Neggy: Versprichst du mir etwas?
Kannst du mir versichern, dass du mich nicht ganz alleine lässt? Du könntest ab und zu vorbeischauen und dich einfach mal nach meinem Wohlbefinden erkundigen.
Jana: Ja klar. Das kann ich machen.
Neggy: weißt du, das hat jetzt Wunder gewirkt. Du warst da, hast mir zugehört und ich konnte mal erzählen. Und irgendwie hat sich dabei alles entspannt.
Jana: Das ist ja ein richtiges Wundermittel.
Neggy: Wenn ich weiß, dass du immer wieder mal vorbeischaust, dann kann ich die Zeit dazwischen auch gut aushalten.
Jana: Dann machen wir das doch so. Versprochen.
Also dann, bis zum nächsten Mal. Leb wohl und pass gut auf dich auf.
Ach ja, und noch was. Ich bin dir sehr dankbar, dass du so gute Arbeit machst. Den Kopf halten und so. Und wenn ich weiß, dass du dazwischen genug Pausen machst und dich auch mal ausrastet, dann geht es auch mir besser. Ich freue mich auf das nächste Mal.
Neggy: Danke. Das hat jetzt gutgetan. Leb du auch wohl?
Und so komme ich nach diesem „Ausflug“ zu Neggy wieder zurück ins Plenum.
Mein Nacken fühlt sich tatsächlich ein wenig anders an. Er ist nicht ganz frei von den Verspannungen, aber es ist mir bewusst geworden, wie wohltuend es sein kann, wenn ich diese Aufforderung meines Körpers, gut auf mich aufzupassen, ernst nehme.
Zuwendung, das ist das Zauberwort.