Lockdown. Der erste. An einem Freitag im vergangenen März verkündet. Ab Montag fahren wir alles herunter. Von Jetzt auf Gleich. Ohne lange Vorbereitungszeit. Der immer schneller rasende Zug unseres Lebens wurde abrupt gestoppt. Bremsen quietschten. Danach: Stille.
Wie aus der Zeit gefallen fühlte es sich an. Surreal. Plötzlich standen die Räder, die unser Leben, unsere Wirtschaft, unseren Alltag antreiben, still. Wer nur irgend konnte, ging ins Home-Office. Läden wurden geschlossen. Schulen. Kindergärten. Musikschulen. Volkshochschulen. Alle unnötigen Begegnungen mussten vermieden werden. Kirchengruppen trafen sich nicht mehr. Gottesdienste fanden nicht mehr statt. Orchester probten nicht mehr. Chöre verstummten. Kinder spielten nicht mehr auf der Straße. Abstand halten – das neue Gebot.
Von Jetzt auf Gleich konnte ich nicht mehr unterrichten. Das gemeinsame Musizieren mit meinen Flötenschülern in meinem eigenen Wohnzimmer war nicht mehr erlaubt. Ich war arbeitslos, meine Arbeit los.
Gleichzeitig erwachte der Frühling. Er kam mit Macht. Die Sonne wärmte. Sie ließ Schneeglöckchen blühen, Krokusse und Winterlinge sprießen, Narzissen und Tulpen. Die Vögel sangen und jubilierten, als gäbe es kein Morgen.
Ich fuhr Rad, viel Rad. Auf dem Deich, durch die Auen. Ich spürte die Sonne, den Wind, den erwachenden Frühling und war glücklich. Der Himmel war blau. Blau. Ganz ohne Kondensstreifen. Unwirklich. Surreal.
Surreal war es, abends die Nachrichten zu sehen. Wie passten die Bilder aus Bergamo zum strahlenden Sonnenschein? Wie die vielen Särge zum fröhlichen Singen der Vögel? Ich war nicht mehr in der Lage, zusammenzubringen, was geschah. Ich versuchte, die Trennung von meinen Schülern durch das neue Gebot, das da hieß Abstand halten, zu überwinden. Ich schrieb Briefe, mit der Hand. Ich telefonierte mit meinen Schülern, Senioren allesamt. Risikogruppe. Ich spielte neue Stücke für sie ein und brachte ihnen die selbstgemachten Mitspiel-CDs. Kurze Gespräche auf Abstand vor der Haustür. Surreal.
Immer öfter ertappte ich mich dabei, wie ich stehenblieb, mitten im Tag. Einfach so. Als hätte meine Lebensuhr für einen Moment angehalten. Ich ertappte mich dabei, wie ich aus dem Fenster schaute in den sonnenhellen Garten. Nur das Ticken der Uhr auf meinem Schreibtisch durchbrach die Stille, die sich wie Watte auf meine Ohren gelegt hatte. Ausgebremst. Mitten im Leben angehalten.
Wie aus der Zeit gefallen.