Corona betrifft mein Leben. Ich mutiere langsam zum Maulwurf.
Zwar lebe ich nicht wirklich unterirdisch wie der Talpa europaea, aber wie dieser in seinen unterirdischen Gängen wandere auch ich überwiegend in den Kammern meiner Erdgeschosswohnung herum.
Meine Lebensweise nähert sich der seinen mehr und mehr an. Seit dem Tod meines Mannes, kurz vor Corona, lebe ich wie er als absolute Einzelgängerin. Als solche habe ich -auf mich allein gestellt,- wie er keinen ausgeprägten Tag- Nacht- Rhythmus; wie bei ihm sind meine Aktivitäten in drei Wach- und Schlafphasen aufgeteilt.
Die Wachphasen sind meist vormittags, nachmittags und gegen Mitternacht, manchmal auch mitten in der Nacht.
Da ich außer zwei Verabredungen mit meinen Physiotherapeuten keine beruflichen Termine oder freundschaftlichen Verabredungen außerhalb meiner Höhle habe, spielt es auch keine Rolle mehr, wenn diese Ruhe- und Schlafphasen sehr individuelle Formen annehmen. Ich bewege mich ja fast ausschließlich in meinen Grabungsgängen, das heißt Zimmern. Neue Gänge brauche ich keine mehr anzulegen, da ich nicht mehr auf Partnersuche gehe.
Also beschränkt sich mein Grabungsverhalten auf einzelne Abteilungen meiner Kammern wie das Bücherregal, die Malecke und den Schreibtisch mit dem Computer. Nur ab und zu strecke ich meinen Kopf aus meinem Hügel, um nachzusehen, ob bei Tageslicht betrachtet, die Welt noch ungefähr so aussieht, wie sie vor Corona aussah.
Wie mein Vorbild aus dem Tierreich lege ich mir einen größeren Nahrungsvorrat an, den ich mir gleich bis zu meinem Höhleneingang, d. h. Wohnungstür bringen lasse.
So vermeide ich die Begegnung mit Artgenossen, die mir suspekt geworden sind, da häufig nur Gefahren von ihnen ausgehen. Die Art der Nahrung allerdings unterscheidet mich von dem Insektenfresser. Ich lebe überwiegend vegetarisch.
Ich bin, wie gesagt, zur Einzelgängerin mutiert. Auf dem Weg zu einer Verwandlung als Maulwurf ist mir auch bereits so etwas wie ein langes Haarfell gewachsen, das nicht mehr wie früher regelmäßig gekürzt wird.
Ich bräuchte dringend eine neue Brille, da meine Sehkraft seit einigen Monaten deutlich nachlässt. Aber auch bei einem Maulwurf ist sie ja nicht besonders entwickelt. Leider habe ich bisher noch nicht feststellen können, dass sich mein Geruchssinn parallel dazu wie bei ihm beeindruckend entwickelt hätte.
Ich bin gespannt, welche Verwandlungen bei meinem Leben als Maulwurf noch auf mich warten.