Wir schreiben inspiriert durch Gegensatzpaare und da sitze ich vor einem weißen Blatt und hadere mit den Vorschlägen. An einem bleibt mein Auge immer wieder hängen: Zukunft – Vergangenheit. Okay, so soll es sein, ich wähle Dich und schreibe mich ins Gegenteil:
Zukunft ist nicht das Gegenteil von Vergangenheit. Es gibt kein Gegenteil für diese Begriffe. Die Zukunft kommt aus der Vergangenheit und die Vergangenheit führt in die Zukunft. Ich suche die Frage, den Begriff zwischen den Worten und da erscheint ein „Jetzt“. Ein Jetzt in Fettdruck mit 3 Ausrufezeichen. Das nehme ich gerne an, dieses Jetzt und werde es befragen. Gehen wir ins Interview, das Jetzt und das Ich.
Willkommen, liebes Jetzt. Hast Du ein Thema für unser Gespräch mitgebracht?
Das Jetzt lacht. Es lacht laut und hört gar nicht auf.
Ich bin etwas verblüfft, aber sein Lachen ist so ansteckend, dass ich mitlachen muss. Und dann, ganz plötzlich, verstummt das Jetzt, schaut mich mit Lachtränen im Augenwinkel an und sagt: „Ich bin so dankbar, dass Du mich wahrnimmst. Irgendwie bin ich in dieser Pandemie fast verschwunden.“ Das Jetzt schaut traurig. Ein trauriges Jetzt missfällt mir, so wage ich einen Scherz, damit es sich wieder spürt und wohl fühlt. Und so sage ich: „Hast Du eigentlich bemerkt, dass Du Dich gerade pandemisch verhalten hast?“ Erstaunt schaut es mich an: „Wie, ich? Niemals!“ „Doch“, entgegne ich. Du hast mich mit Deinem Lachen infiziert…“ Es lächelt – immerhin. Es sagt nichts, es lächelt nur versonnen. Heute ist kein guter Tag für ein langes Interview. Ich lasse das Schweigen zu und mag es, einfach zu sein.
Körperlos ist das Jetzt, doch zeigt es ein gütiges Gesicht. Alterslos. Die Mimik verfliegt so schnell, wie sie erscheint. Leuchten und Schimmern zieht über dieses Gesicht, als zögen Wolken vorüber. Ein Regenbogen schimmert kurz in den himmelblauen Augen. Wie wunderschön das Jetzt ist! Wunderschön und absolut präsent. Ja, präsent. Anwesend und ein Geschenk. Und es hört nie auf sich zu schenken. Das Jetzt hat viel Erfahrung. Es kennt jede Vergangenheitssekunde und kommt über die Brücke des Erinnerns wieder und wieder, bis es in die Zukunft geht. Wenn es der Vergangenheit die Hand reicht, ist es weise und manchmal ist es naiv, wenn es sich bemüht, weit in die Zukunft zu schauen.
Das Jetzt schaut mir tief in die Seele und ich spüre Glück, das mich warm durchströmt. Bedingungslose Liebe erfüllt mein Herz. Da fragt das Jetzt: „Spürst Du es auch?“ „Ja“, antworte ich lächelnd. „Es ist so wunderschön.“ Wir schließen beide die Augen, spüren und fühlen den Moment. Da beginnt das Jetzt eine Geschichte zu erzählen:
Obwohl es mich schon immer gab, vergessen die Menschen mich oft. Das macht mich manchmal traurig. Ich hole die Menschen aus der Vergangenheit und leite sie in die Zukunft. Ich bin das Leben in diesem Moment und eigentlich bin ich die wichtigste Zeit. Hast Du gespürt, wie sehr ich Dich liebe, wie glücklich es mich macht, dass ich Dein Jetzt sein darf? Ich weiß alles aus Deiner Vergangenheit, weil ich schon da Dein Jetzt sein durfte. Ich wandle mich in jedem Moment und solange Du lebst, werde ich bei Dir bleiben. Wir sind unzertrennlich, doch manchmal spürst Du mich nicht, vergisst mich für eine Weile. Ich dränge mich nicht auf. Ich bleibe einfach da. Ich erlebe Deine Freuden und Deine Sorgen, ich bin nur für Dich da. Jeder Mensch hat sein eigenes Jetzt, wir sind eine große Familie, sprechen alle Sprachen und kennen alle Kulturen. Die Menschen glauben, wir vergingen schnell, doch bleiben wir immer dasselbe persönliche Jetzt. Wir vergehen nicht, wir verwandeln uns nur.
Kaum nimmst Du mich wahr, werde ich schon Vergangenheit. Und dann lastet die Zukunft auf mir. Ich mag die Zukunft nicht so sehr, sie ist eine unsichere Erscheinung. In Deinem Schreiben war ich das Jetzt des ersten Buchstabens, bin schon Vergangenheit und werde die Zukunft des nächsten Wortes. Ich lebe Dich, wenn Du mich lässt. Und wenn Du Dich gut mit mir verbindest, dann entsteht dieses sichere Gefühl der Freiheit, das Gefühl des Seins. Du machst das manchmal, wenn Du einen Schluck Tee behutsam im Mund behältst und versuchst jedes einzelne Aroma zu schmecken. Oder im Wald, wenn Du die vielen Nuancen von grün entdeckst. Dann bist Du ganz im Jetzt und ich umfange Dich liebevoll. Wir erfüllen uns gegenseitig. Ich weiß, dass Du das spüren kannst und es macht mich sehr glücklich. Ich bin gerne Dein glückliches Jetzt.
Während dieser Pandemie werden so viele Menschen unruhig. Sie wissen nicht, wie sie die Zeit füllen sollen. Sie haben zu viel Zeit. Zeit? Sie haben viel „Jetzt“. Und nun nehmen sie ihr Jetzt zum ersten Mal wahr. Es ist ihnen völlig unbekannt und macht ihnen „jetzt“-Angst. So stehen sie ihrem unbekannten Jetzt scheu gegenüber. Doch irgendwann kommt der Moment, wo sie sich trauen. Und wenn sie zum ersten Mal die Liebe zu und von ihrem Jetzt erfahren, dann werden sie ruhig.
„Ach, es ist wunderbar, ein Jetzt zu sein!“, sagt das Jetzt und vergeht…