Lockdown… shut down… exponentiell… Inzidenzen… Lockerung…
Mein Wortschatz hat sich in einem Jahr einseitig erweitert. Manchmal denke ich: „Über die täglichen Statusmeldungen verschiedener Lager könnte ich ein Drehbuch schreiben. Ich wüsste ohne groß darüber nachzudenken, wer welche Rolle besetzt und welche Dialoge spricht. Eine Daily Soap, gefüllt mit vielen, vielen Blasen. „Wann habe ich begonnen, Corona wahrzunehmen?“ schwebt als Frage im Hintergrund meiner Gedanken. „Wann?“ Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich kann kein Datum nennen, kein besonderes Ereignis damit verbinden. Ich würde behaupten: sehr früh. An die ersten Nachrichten über „eine bislang unbekannte Lungenerkrankung in China“ erinnere ich mich, aber sie waren noch nicht mehr als eine Nachricht. An die ersten Meldungen über die ersten infizierten Menschen im Kreis Heinsberg, Nordrhein-Westfalen, Deutschland erinnere ich mich deutlich. Zwischen meinem Wohnort und diesem Teil meiner alten Heimat liegen nur rund 50 km. Eine Erinnerungsblase schwebt vorbei. Plötzlich war der kleine Ort auf dem Lande ein gefährlicher Hot Spot, abgeriegelt, angefeindet, wie in einer Blase eingeschlossen. Ab diesem Moment war Corona für mich nicht mehr zu übersehen.
Während ich den Gedanken nachschaue, fällt plötzlich der Satz: „Ich genieße Corona…“, hüpft zart und schillernd wie eine bunte Seifenblase aus dem Pustefix in meine Nachdenklichkeiten und lacht mich an. Ich schaue auf meine Notizen und lache zurück, wünsche, ich könnte JETZT mit der Satzgeberin einen Kaffee trinken und über solch Unerhörtes reden und lachen… Ich würde erzählen, dass ich irgendwann anfing von „den kleinsten Dingen“ zu träumen – eine Bahnfahrt in die nächste Großstadt, ein Stadtbummel, ein notwendiger Schuhkauf. Corona entbindet mich von allen damit verbundenen organisatorischen Fragen: Wann? Wie lange? Wer versorgt den Hund? Diese Wahrnehmung findet viel später statt: Corona als eigen-willige Einschränkung dessen, was dringlich scheint. Corona als Abzweig zu tragbaren Kompromissen. Wann ich anfing Corona wahrzunehmen… Ich würde sagen: immer wieder.
Vor einem Jahr öffneten sich Türen zu einer längst fremd gewordenen Selbstbestimmung – plötzlich freigestellt von Alltagsroutinen, sechs Wochen schwelgen in losgelöster Frei-Zeit, ein unvertrautes Glücksgefühl… dem Wehmut, Trauer und Verlust folgten, weil „es“ nicht „wieder schnell vorbei“ ging. Urlaub gestrichen, Pläne abgelegt, eine farblose Blase, die schnell zu Boden sank. Dann wieder neue Energie, der Ansporn möglichst viel wahrzunehmen, Corona nicht nur als Virus, sondern als Abbild seiner Zeit zu sehen, die Herausforderung, praktikable Lösungen für akut komplizierte, belastende, verunsichernde Situationen zu finden. Rundum bildeten sich neue Blasen, platzten Gewissheiten, die ich zu haben glaubte, wenn ich mit Anderen umging.
„Ich genieße Corona…“ schwebt durch meinen dichten Gedankenschaum… „Ich auch,“ steht auf meinem Notizblock. Vier Wochen später setze ich die Gedanken zu einem Kontext zusammen. Wann ich begonnen habe Corona wahrzunehmen? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich beginne immer wieder damit, mit jeder neuen Wendung, mit jeder Erkenntnis in meinen Blasen… Dazwischen hüpft eine bunte Seifenblase zwischen meinen Kaffeebecher hin und her, all tags.