Liebe Nerina!
Du wirst erstaunt sein, in kurzer Zeit ein zweites Mal Post von mir zu bekommen. Ich war selbst etwas überrascht über meine Idee, aber es hat seinen guten Grund.
Als Oma mir Ende letzten Jahres erzählte, dass Du schwanger seist, habe ich mich sehr über diese gute Nachricht gefreut – und Dir kurze Zeit später spontan ein Buch geschickt, eine Sammlung von Wiegen-und Kinderliedern aus aller Welt, reich illustriert mit berührenden Farbfotos von Babys mit ihren Lieben in ihrer Umgebung, ihrem Zuhause, ihrer Heimat.
Kein Mensch auf diesen Fotos hielt Abstand zum Baby und auch zu niemand anderem. Im Gegenteil, eng beieinander standen und saßen sie! Kein Mund-Nasen-Schutz verwehrte meinen Augen den Blick auf die ausdrucksvollen Gesichter der abgebildeten Menschen. Unverstellte, für alle sichtbar: offene Freude, Zuneigung, Lächeln und Jubel, Botschaft des Glücks über die Geburt eines Kindes! Diese Botschaft las ich aus ihren Gesichtern und Körperhaltungen.
Babys, zärtlich im Arm gewiegt, Babys, hoch in die Luft gehalten vom stolzen Vater, der sein Neugeborenes der ganzen Gemeinschaft vorstellt.
Selbstverständlich nehmen diese Babys ihren Platz im Schoße der Familie ein. Auf vielen Fotos waren mehrere Generationen versammelt, stolze große Geschwister, Großeltern und Verwandte oder Freunde und Nachbarn:
Während ich diese Fotos anschaue, fällt mir plötzlich das alte Sprichwort: „Geteiltes Glück ist doppeltes Glück!“ ein. Das Glück teilen, die eigene Freude zum überschäumen bringen und diesen Moment auskosten! – Mit Allen! Alle dürfen und sollen das neue Menschlein in der Welt willkommen heißen, kennenlernen, aufnehmen in ihren Kreis.
So soll es sein!
So konnte es nicht sein im Frühling 2020 – nicht für uns.
In April 2020 kam Vincent zur Welt, das bis dato jüngste Kindchen in unserer großen, in der Republik verstreuten Familie.
Die Pandemie war noch ungewohnt, wir hatten noch keine Übung im Umgang mit ihr gefunden. Alle waren damit beschäftigt, irgendwie mit ihr klar zu kommen, mit all den Sicherheitsmaßnahmen, die mit dem Unwort „social distancing“ einher gingen, das sich bald in aller Munde fand. Welch ein Paradox: sozial versus Nähe. Das passt doch nie und nimmer zusammen!
In diesem April, in dem Vincent zur Welt kam, war Besuch von der Verwandtschaft nicht möglich. Was taten wir? Wir telefonierten, gratulierten, schickten Päckchen auf den Weg. Wir sahen Fotos und kleine Videoclips, die seine Eltern und Großeltern uns sandten. Ja, es ist toll, dass es diese Möglichkeiten gibt – doch…wie kann ich das Gefühl beschreiben, das mich ergriff? Ja, ich freute mich jedes mal sehr, aber Fotos und Filmchen sind nun mal kein Ersatz für echtes Miteinander…sie verstärkten den Wunsch nach Zusammensein, hinterließen Bedauern und einen etwas schalen Beigeschmack.
Die Uroma war zunächst einverstanden, dass „die Kinder“, Enkel und Urenkel, sie nicht besuchten, auch sie unsicher, wie es denn gut und richtig sei sich zu verhalten. Sie verstand, dass niemand das Risiko eingehen wollte sie zu gefährden.
Mit dem Verstreichen der Monate jedoch hörte ich öfter von ihr den Satz: „ Ach, jetzt wäre es schon sehr schön, den kleinen Lasse endlich mal zu sehen.“
Auch ich fragte mich: „Können wir nicht einfach ein Treffen organisieren, den Bedenken von verschiedenen Seiten zum Trotz? Wie könnten wir es machen?
Die Uroma, meine Mutter, ist eine alte Frau von 91 Jahren. Sie hat ihre Endlichkeit klar im Blick, immer wieder spricht sie mit uns über ihr Sterben, sie plant nicht mehr auf lange Sicht.
Vincent, der in sieben Wochen seinen ersten Geburtstag feiern wird, kennt sie nicht und sie, genau wie wir, kennt ihn nur aus „zweiter Hand“.
Etwas Sicherheit haben wir schon, seit es Schnelltests gibt und was noch besser ist:
die Uroma gehört aufgrund ihres hohen Alters zur Gruppe der ersten, die geimpft wurden. Wird es nun Aussicht auf ein baldiges Treffen geben?
Warum ich Dir, liebe Nerina, die das alles ja weiß, schreibe?
Ich wünsche sehr, dass wir es bei Deinem Kindchen, das im Sommer zur Welt kommen wird, anders machen können als mit Vincent!
Es würde mich einfach begeistern, meiner Freude direkten Ausdruck verleihen zu können, wirklich umarmen und Küsse verteilen statt virtuell. Necken, kitzeln, scherzen, das Baby anschauen, berühren, vielleicht sogar auf den Arm nehmen können und seinen Duft schnuppern, das ganze Zusammenspiel eben von Tönen, von Ansprache und Gesichtsausdruck und dem, was das Zusammensein spontan bietet.
Das ist mein Anliegen:
Ich möchte diese Situation nicht wiederholen.
Ich wünsche mir Treffen mit Euch und den Kindern.
Wie schnell die Zeit vergeht, fällt uns ja besonders an den kleinen Kindern auf, die sich so stürmisch entwickeln und in kurzer Zeit sehr schnell sehr viel lernen. Das möchte ich nicht verpassen.
Der Uroma wünsche ich, dass sie baldigst Vincent und im Sommer vielleicht noch ihr jüngstes Urenkelchen kennenlernen kann.
Pandemie hin oder her – Das Leben findet heute statt!
Lass uns in unsere eh nicht gefüllten Terminkalender schauen und einen guten Tag für ein Treffen verabreden.
Hoffentlich bis ganz bald!
Liebe Grüße,
Milena