MarieRose, fast 70-jährige Rentnerin mit kleiner Naturheilpraxis, lebt als Single in einem großen Wohnprojekt in Mitteldeutschland

Bald ein Jahr Funkstille – Brief an Gerda

Liebe Gerda,

nun ist es schon bald ein Jahr her, dass wir unseren Kontakt abgebrochen haben. Ich denke oft an dich und frage mich, wie es dir geht. Zu Weihnachten habe ich dir eine Karte geschrieben. Ein Lebenszeichen. Wollte damit eine Hand hinhalten, die du hättest nehmen können. Du hast sie nicht genommen. Und so traute ich mich nicht, dir zu deinem Geburtstag Anfang Januar zu schreiben. Wollte dir nicht zu nahe treten und würde doch so gerne wissen, wie du dieses Corona-Jahr erlebt hast. Wie deine Haltung inzwischen ist, ob du eine Gruppe Gleichgesinnter gefunden hast, mit denen du dich austauschen kannst über deine kritischen Gedanken zu der Corona-Politik.

Ich denke immer wieder an unsere letzten Gespräche im März, April 2020, an mein Erschrecken, als ich realisierte, dass du dich mehr und mehr in Rage gesteigert hast. Ich erinnere mich, wie wir diskutierten, uns gegenseitig zu überzeugen versuchten. Deine Empörung wurde immer vehementer. Du suchtest nach Gruppen, nach Parteien, die deine Überzeugung vertreten.

Ich fragte mich damals, was dich umtreibt. Warst du schon im Lager der sogenannten Verschwörungstheoretiker angekommen? ‚Ich bin nun mal eine Rebellin‘, so deine leidenschaftliche Antwort. Unser Auseinanderdriften bereitete mir Kummer. Ich dachte viel über unsere Freundschaft nach. Wieviel Unterschiedlichkeit verträgt eine Freundschaft? Was, wenn das, was ich bislang als gemeinsame Werte empfunden habe, nicht mehr gültig ist, wenn das Fundament der Freundschaft ins Wanken gerät und nicht mehr tragfähig ist?

Worüber sollen wir reden, wenn wir DARÜBER sofort in Streit geraten und uns überzeugen wollen? Übers Wetter? Über die Blümchen auf dem Balkon, über die Kinder und Enkel, über den Dorftratsch?

Wir hatten eine so schöne Gepflogenheit: Einmal pro Woche telefonierten wir ausführlich miteinander. Würden wir das je fortsetzen können? Ich entschied mich damals, im April, nach einer dieser schlaflosen Nächte, dir eine Pause vorzuschlagen. Erst mal ein Stopp unserer regelmäßigen Telefongespräche. Etwas Gras wachsen lassen. Du hingegen, radikal wie ich dich kenne, machtest gleich einen Schlussstrich. ‚Dann beenden wir unseren Kontakt’, so deine Worte. ‚Jede muss ihren Weg gehen in dieser Zeit‘. Wir haben uns aufrichtig bedankt, für das, was wir in den letzten Monaten und Jahren geteilt haben. Und verabschiedeten uns, ohne Groll. Wenigstens das haben wir hingekriegt. Ein Jahr ist das nun bald her.

Inzwischen habe ich mich immer wieder gefragt, warum ich keine andere Lösung in mir entwickeln konnte. Ist denn Kontaktabbruch die Lösung? Spalten wir damit nicht noch mehr, bringen wir so nicht noch mehr Un-Frieden in die Welt? Hätte ich es nicht weiter versuchen sollen, im Dialog zu bleiben, dir zuzuhören? Hätte ich nicht mehr versuchen müssen, in deine Schuhe zu schlüpfen, die Welt mit deinen Augen zu betrachten, wie es so schön heißt? So drehten und drehen sich meine Gedanken immer wieder. Warum war ich so unflexibel und trennungsbereit?

Gerda, du bist über 80 Jahre alt. Unerträglich ist mir der Gedanke, dass du sterben könntest, ohne dass wir vorher noch einmal den Kontakt aufgenommen hätten. Oder, noch schlimmer, dass du stirbst und ich erfahre es nicht. Oder gar schon gestorben bist?

Gerda, ich weiß nicht, ob ich mich traue, diesen Brief abzuschicken. Zu groß ist die Angst, dass…Ich stocke beim Schreiben. Ja, wovor habe ich eigentlich Angst? Was kann denn passieren? Du könntest den Brief zornig in die Papiertonne schmeißen – so what? Ich könnte dir zu nahe treten, ja, das ist das Risiko. Aber, will ich dir nicht nahe kommen? Was wäre denn ZU nahe? Das kann ich nicht wissen. Glaub  mir, mich interessiert, wie es dir geht, gesundheitlich, mit deiner Familie, in deinem Dorf, mit alle dem, was ist. Diese lange, lange Corona-Pandemie – wie erlebst du sie? Wo bist du gelandet? Politisch, und überhaupt. Ich würde dir gerne zuhören. Versuchen zu verstehen, was dich umtreibt.

Und wenn du magst, erzähle ich dir von meinem Jahr mit Corona, von meinem Ringen um eine Haltung in alledem, von meinem Bemühen um gute, informative Quellen und kritische Stellungnahmen. Von dem Miteinander-Leben hier in meinem Zuhause, mit all den Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit.

In Einem bin ich inzwischen ganz sicher: Spaltung bringt uns nicht weiter. Also lass uns Brücken bauen. Mit diesem Brief als ersten Schritt?

Deine MarieRose.