Brigitte aus NRW, 64, alleinlebend, Bibliotheksassistentin im Unruhestand, Reisefan und Hobbyfotografin, die auch gerne schreibt

Brief an eine Freundin

Liebe Freundin,

gerade bin ich von einem wunderschönen Winterspaziergang zurück und sitze nun zufrieden an meinem Küchentisch und trinke eine Tasse Tee. Ich habe jede Minute dieses Tages genossen. So viel Schnee wie heute hatten wir lange nicht mehr und dazu der wolkenlose Himmel und Sonnenschein! Bei jedem Schritt knirschte und knackte es unter meinen Schuhen. Die Welt ist eingefroren. Die Kinder haben ihren Spaß im Schnee und unterwegs sind mir die lustigsten Schneemänner und –frauen begegnet. Einer stand sogar auf dem Kopf. Nicht weit von meinem Haus wächst eine alte Efeuhecke, die blaue Beeren trägt. Sie sind vollständig in eine glasklare Hülle eingeschlossen und die Blätter und Äste haben eine dicke Lackschicht aus Eis. Von diesem seltenen Kunstwerk musste ich natürlich gleich ein Foto machen.

Vielen Dank für Deine E-Mail mit dem Link auf die Online-Veranstaltung zu Frida Kahlo. Da werde ich mich gerne anmelden, das bringt mir etwas Abwechslung in meinen sonst sehr trüben Corona-Alltag. Ich sehe vor meinen Augen ihr blaues Haus… wie heißt es noch?… Casa Azul… erinnerst Du Dich, wie sehr wir uns geärgert haben, als wir in Mexiko davor standen und feststellten, dass es geschlossen war? Zu gerne hätte ich das Museum besucht.

Im Kölner Museum Ludwig gibt es zurzeit eine Ausstellung, die mich sehr interessiert. Leider ist das Museum auch geschlossen und wann es wieder öffnet, steht in den Sternen. Wir müssen erstmal weiter mit Konserven leben: digitale Konzerte, Lesungen und Theater oder Online-Rundgänge durch Museen. Viele Kultureinrichtungen entwickeln ja phantasievolle Alternativen aber für mich ersetzen sie nicht wirklich das reale Angebot, das es vor Corona gab und ich hoffe, dass die Kulturbranche durch den Virus nicht komplett untergeht.

Das Fernsehprogramm ist auch kein wirklicher Ersatz für einen Kino- oder Theaterbesuch zumal es dort den ganzen Tag nur noch um Corona geht. Eine Sondersendung jagt die nächste und was mich am meisten ärgert ist, dass Vermutungen schon Tage vor der eigentlichen Entscheidung rauf und runter diskutiert werden und nach der Entscheidung dann erst recht. Versteh mich bitte nicht falsch, ich schätze die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten sehr. Sie leisten wichtige Aufklärungsarbeit und ich bin froh, dass wir in einem Land leben, in dem die Pressefreiheit noch gewährleistet ist aber im Moment ist mir diese Art von Berichterstattung einfach zu viel. Da wünsche ich mir auch mal andere Nachrichten, Reportagen und Dokumentationen. Es gibt so viele Krisen und Themen hier und in der Welt, die plötzlich keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Bestimmt gibt es auch mal positive Ereignisse, über die man berichten könnte.

Nun habe ich Dir aber genug die Ohren vollgejammert. Sorry. Eigentlich wollte ich Dich fragen, wie es Dir geht. Wollen wir nicht gemeinsam mal wieder einen Spaziergang machen? Zu zweit ist das ja noch erlaubt. Vielleicht hast Du eine gute Idee, wohin wir dann gehen könnten?
Lass uns doch in den nächsten Tagen mal wieder telefonieren.

Ich hoffe, dass Du gesund und munter bist und auch bleibst.

Viele herzliche Grüße
und hoffentlich bis bald

Brigitte