Liebe B., in unseren Zeitzeugen-Projekt sollen wir heute einen Brief schreiben. Du bist mir sofort als Adressatin eingefallen. Wir haben ja auch schon Übung darin, uns gegenseitig längere Mails zu senden, seit dein Vater und meine Mutter, beide hochaltrig, kurz hintereinander verstarben. Sehr gut konnten wir schriftlich unsere Trauer teilen und im Schreiben einen vertieften Zugang zu Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen finden.
Du bist zwar schon länger meine Nachbarin, aber wir haben uns erst kennengelernt, als du als Ehrenamtliche zu unserem Hospizdienst gekommen bist. Ich war total stolz zu erfahren, dass es mein Aufsatz in der Gemeindezeitung war, der dich überzeugt hat, dir die hospizliche Begleitung zuzutrauen. Noch enger wurde unsere Beziehung, als du auch in unser Mehr-Generationen-Wohnprojekt eingestiegen bist, vor allem seit Beginn unserer gemeinsamen Vorstandsarbeit. Ich habe in dir eine Freundin gefunden, die nicht nur in der sozialen Ausrichtung so tickt wie ich, sondern die den gleichen Arbeitsstil hat: sachbezogen, fokussiert, strukturiert und zielorientiert – und das ohne jede Eitelkeit.
Du hörst mit voller Aufmerksamkeit zu und kannst zwischen den Zeilen lesen. Ich habe mich getraut, dir meine ersten drei Texte aus dem Schreibprojekt zu mailen. Beim nächsten Zoom-Treffen hast du mich darauf angesprochen, dass ich doch sehr viel Besorgnis in mir trage. Mir kamen sofort die Tränen, und dir kann ich meine Tränen zumuten. Es tut gut, im Kummer gesehen zu werden.
Es ist auch eine große Erleichterung, dass ich mich mit dir unaufgeregt über Corona unterhalten kann. Du verfolgst täglich die Zahlen und bemühst dich um dein eigenes Bild, unabhängig von der Panik-Presse. Du bist offen für Argumente. Wir haben uns schon zusammen die Frage gestellt, ob es denn wahr sein kann, dass Abstand halten wirklich gut für unsere Gesellschaft ist, nur weil dadurch alle möglichen Unfall- und Krankheits-Häufigkeiten sinken könnten. Wir waren beide entsetzt, dass in der ersten Welle unsere hospizlichen Besuche bei Schwerstkranken und Sterbenden vom Dachverband untersagt wurden. Die Einschränkungen in der zweiten Welle haben wir beide kritisch hinterfragt. Was soll das, dass du meinen Liebsten und mich besuchen darfst, wir aber umgekehrt nicht zusammen in deine Wohnung gehen dürfen. Wir haben beschlossen, wir sind vorsichtig und handeln ansonsten nach unserem gesunden Menschenverstand.
Ich wünsche mir so sehr, dass wir noch vor unserem Greisenalter den Einzug in unser Wohnprojekt schaffen. Ich freue mich darauf, mit dir die gemeinsam geplanten Seminare für Interessenten durchzuführen. Gerne möchte ich später nach deiner Anleitung z.B. Hochbeete bepflanzen, in denen nicht nur Gemüse, sondern auch Insekten-freundliche Blumen wachsen.
Unter einem Dach gemeinsam alt werden mit Freunden und Freundinnen, das ist mein Herzenswunsch. Das würde unter Corona-Bedingungen auch vieles einfacher machen. Eine zugewandte, zuverlässige Freundin ist ein großes Geschenk. Wohnt diese auch noch nebenan, ist es purer Luxus!
Danke! Und alles Liebe von M.