Mona, 38 Jahre, zweifache Mutter, Volksschullehrerin

Corona betrifft mein Leben, zum Beispiel dort…

…wo ich mit Kindern in Berührung bin.

IN BERÜHRUNG bin ich glücklicherweise jeden Tag mit meinen eigenen Kindern. Wir leben in einem gemeinsamen Haushalt und dürfen uns somit tatsächlich nach Herzenslust berühren, ganz ohne Desinfektionsgedanken oder Abstandsregelungen.
Wir dürfen kuscheln, busseln, uns umarmen, und wir tun es jeden Tag.

Corona betrifft mein Leben, aber es betrifft zum Glück nicht die gelebte Liebe zu meinen Kindern.

Corona betrifft mein Arbeitsleben.
Auch dort bin ich in Berührung mit Kindern, und ja, ich berühre auch sie.
Ich sage nicht nein zu einem Achtjährigen, der mich bittet, seine Schuhbänder zu entknoten oder die Jacke zuzumachen, wenn sie klemmt. Ich halte drängelnde Kinder zurück und lege aufgebrachten oder unruhigen Kindern die Hand auf die Schulter.

Berührung geschieht, so ist das einfach in einer Volksschule, und ich versuche so natürlich wie möglich damit umzugehen. Ganz so sorglos wie innerhalb meiner Familie gelingt mir das aber nicht.
Da sind die strengen Hygiene- und Abstandsbestimmungen, die laufend aktualisiert werden.
Da ist die nervöse Schulärztin, die unsere Direktorin gestern mit den Worten begrüßt hat: „Sie machen hier an der Schule alles falsch.“
Da sind die Kolleginnen, die argwöhnisch und ängstlich hinter ihren Masken zu mir herüberlugen.
Da sind die anderen Kolleginnen, die Verschwörung wittern und nie aufgehört haben, ihren SchülerInnen zum Abschied die Hand zu geben.

Vor allem aber sind da Kinder. K.I.N.D.E.R.!
Was tun Kinder in diesem Alter? Sie spielen Fangen, machen Klatsch- und Rollenspiele, messen ihre Kräfte. All das und vieles mehr ist mit zwei Metern Abstand schwer durchführbar.
Kinder brauchen Kontakt zu Kindern. Auch Körperkontakt.

Ich bin keine Polizistin, die mit dem Meterstab durch die Reihen geht.
Ich bin eine Lehrerin, die versucht, Nähe zu ermöglichen.

Und ansatzweise Normalität, damit das Lernen Freude macht.
Die spontanen Umarmungen, die noch vor einem Jahr an der Tagesordnung waren, fehlen mir.
Ich hebe sie mir für meine eigenen Kinder auf und hoffe, dass auch meine Schulkinder zuhause jemanden haben, der die Zeit und die Gemütsverfassung hat, sie zu umarmen.

Fragen, die mich in diesem Zusammenhang berühren:
Machen wir in Zukunft alles „kontaktlos“?
Werden Umarmungen, Küsschen und Händeschütteln ferne Erinnerungen sein, etwas, das man nur noch aus alten Filmen kennt?
Kann man Nähe verlernen?
Gewöhnen sich Babies und Kleinkinder daran, das Gesicht fremder Menschen hinter Masken zu sehen oder haben sie wie ich das Gefühl, dass das nicht unserer Natur entspricht?

Führt das, was anscheinend unserer Sicherheit dient, in Wahrheit nicht zu mehr Angst?
Begegnen wir uns als Menschen oder als mögliche Überträger?
Weniger Berührung, mehr Digitalisierung- lässt uns das noch „verkopfter“ werden als wir es ohnehin schon sind?
Spüren wir uns noch? Berühren wir uns noch?

Corona betrifft mich. Corona berührt mich… und die Kinder um mich herum.