Morgen ist Corona-frei!
So sehr habe ich in den letzten Wochen diesen Tag herbeigesehnt, ihn mir im Geist schon ausgemalt: was ich da alles machen werde! Jetzt ist der ersehnte Zeitpunkt zum Greifen nah – und ich bin mir nicht mehr sicher, ob die kommenden Stunden so toll sein werden.
Freilich, ein Tag als Kontrast zum Jetzt, das könnt mir schon guttun.
Sicherlich, ein Tag ohne Masken schenkt mir wieder lächelnde Gesichter.
Natürlich, ein Tag, an dem Berührung wieder sein darf, könnte zur Wohltat werden.
Warum aber bin ich nur so zögerlich?
Warum ist meine große Freude so klein geworden, ganz zusammengeschrumpft?
Ich überlege sogar, morgen länger im Bett zu bleiben und mir vielleicht den Tag zu Hause heimelig zu machen, gar nicht hinaus zu gehen.
Bin ich deppert? Bin ich verrückt? Was ist in mich gefahren?
Ich kenne ähnliche Gefühle von der Fastenpraxis: da nimmt man sich für 40 Tage vor, auf Alkohol oder Süßes zu verzichten und wenn der Ostersonntag naht, hat man auf diese Dinge gar keine so große Lust mehr.
Ich kenne Leute, die mögen z.B. keine Sonnen-Tage, weil ihnen da zu viel Licht ist, weil da die Massen unterwegs sind, und da gehen sie unter, da wird ihre traurige Grundstimmung einfach gelb übermalt. Schwamm drüber – lustig samma. Das Schöne kann in einer schweren Situation auch schmerzhaft empfunden werden.
Ist es etwas Ähnliches, das mich in meiner Freude auf den Corona-freien Tag bremst? Vielleicht spürt meine Seele, dass sie sich auf Corona als dauernden Lebensbegleiter einzustellen hat? Vielleicht weiß mein Inneres, dass Wunder nach der Art „Hokuspokus Mausespeck – für einen Tag ist nun Corona weg!“ nicht sehr hilfreich sind für den Alltag.
„Schurli, du bist im Kopf! Sei wie ein Kind! Schmeiß dich in die Wellen! Vielleicht ist morgen der Letzte Tag vorm Weltuntergang. Willst du denn diesen mit angezogener Handbremse leben? Lerne zu fließen! Lerne zu fliegen! Lerne zu leben – immer nur für einen Tag! Lerne zu genießen – nur für heute! Lebe so – als sei jeder Tag dein letzter! Nimm den Corona-freien Tag als Anfang!“
Wow – da ist was dran.
Aber ich komm da nicht gleich ran.
Ich muss das alles erst üben.
Auch für den Himmel dann drüben.
Also beginne ich klein. Mit dem Träumen.
Vorsichtig benetze ich – bildlich gesprochen – Füße und Hände mit dem erfrischenden Lebensquell, bevor ich mich als ganzer in den See wage. Ich fange in der Früh an.
Also:
Beginnen würde ich den Tag am liebsten mit einem netten Frühstück mit den Leuten von der Bibelrunde: mit Lachen, Scherzen und Erzählen.
Mein Morgenlob wäre dann zwei Stunden mit Musik und Gesang: mehrstimmig würden wir grooven und zum Rhythmus der Lieder unsere Körper wiegen.
Dann würde ich mit meinem Fotoapparat ausrücken, die ausgelassene Stimmung in der Innenstadt beobachten und für eine No-Corona-Collage festhalten.
Zum Mittagessen treffe ich mich mit der Familie und Verwandten im schönen Garten meiner Cousine. Ein buntes Buffet erfreut unsere Augen, aber vor lauter Erzählen und Umarmen kommen wir gar nicht richtig zum Essen.
Der anschließende Spaziergang lässt uns entspannt sein und schenkt inneren Frieden: wir atmen die frische Luft der Freiheit ein und lassen unzählige Sinneseindrücke auf uns wirken: das Grün der Bäume, den Duft der Frühlingsblüten, den Geruch der Erde, die Rauheit der Rinde, … alles ist gut.
Nach der Dusche zu Hause genehmige ich mir eine Stunde Shiatsu und gleite tiefenentspannt in den Abend.
Jetzt kröne ich den bunten Tag mit einer lieben Freundin, bei der mein Herz zur Ruhe kommt: Gemeinsam kochen, scherzen, plaudern, essen, trinken, schweigen… Wir lassen uns zu einem Tanz bei Kerzenschein verführen und staunen dankbar, wie vielfältig Berührung sein kann – sicherlich noch weit über körperliche Nähe hinausgehend.
Die Dunkelheit umhüllt den geschenkten Tag und nimmt das Geschehene auf in ihren mütterlichen Schoß.
Diesen Tag, Herr, leg ich zurück in deine Hände.