Ich bin mit dem Sonnenaufgang am Meer verabredet. Für so ein Rendez-vous hüpfe ich leichtfüßig aus dem Bett und schlüpfe gleich in meinen Badeanzug. Die Tasche mit dem Frühstück für Georg und mich ist schon gepackt, es fehlt nur der Kaffee und die frischen Croissants. Die bringt Georg später mit. Ich werde vor ihm da sein, mit meiner Weggefährtin Olympus, um das geliebte Element mit der aufsteigenden Sonne in Bilder einzufangen. Je intensiver ich erlebe, desto intensiver werden die Bilder und verwandeln sich in Seelennahrung, die ich allzeit zu mir nehmen kann.
Der Ort schläft noch, nur beim Bäcker brennt Licht. Der Duft von Frischgebackenem liegt schon in der Luft. Es ist nicht weit zum Strand. Ich breite die Decke fürs Frühstück aus und öffne den Fotorucksack. Leicht und kühl liegt die Olympus in meiner Hand. Es dämmert noch, ich suche nach einem guten Ort, um die ersten Bilder zu machen, wenn die Sonne am Horizont aufsteigt. Da hinten erspähe ich ein kleines Boot und Treibholz, das könnte ein guter Akzent sein.
Ich beneide das Treibholz, ist es doch ständig verbunden mit dem Meer, gibt sich ihm hin und lässt sich treiben, ganz nonchalant und ohne zu wissen, wo es eines Tages stranden wird.
Ich erinnere mich an meinen ersten Schnuppertauchgang mit Georg, seine sanfte Art, durch die es ihm gelang, dass ich meinen inneren Kampf, ob ich das können würde und ob die Technik nicht doch versagt, aufgab und mich seiner Führung anvertraute, mich dem Wasser hingab und das Unfassbare – unter Wasser atmen zu können – schnell genoss.
Wie viel Zeit ist inzwischen vergangen?
Wie lange haben wir uns nicht gesehen?
Die Aussicht auf dieses gemeinsame Frühstück und danach den Tauchgang zum Museo aquatico erfüllen mich mit Vorfreude.
Die salzige, noch kühle Luft an diesem frühen Morgen lässt mich hellwach sein, eigentlich wacher als sonst – es ist eine besondere Wachheit, gepaart mit Vorfreude und Sehnsucht, wie ein Schwamm, der es nicht erwarten kann, sich endlich zu füllen.
Da kitzelt die Sonne den Horizont und taucht alles in zartoranges, goldgewirktes Licht, das immer mehr Farben offenbart, je mehr sie dem Meer entsteigt. Ich genieße die Stille am Strand und fotografiere, wechsle die Perspektive, lege mich in den noch kühlen, morgenfeuchten Sand und nehme den Blick des Meeres auf die Sonne ein. Kamera auf dem Boden. Wow.
Allmählich wird es heller. Da ist sie in ihrer vollen Pracht. Zeit zur Frühstücksdecke zurückzukehren und die Kamera zu verstauen. Ich sehe Georg aus der Ferne. Wir winken uns zu. Meine Kaffeelust ist geweckt, als er uns einen Cappuccino kredenzt. Die Croissants sind noch warm und verströmen ihren Duft.
Was für ein herrlicher Start in den Tag.
Wir sind noch still, genießen das Farbspiel am Horizont und die Ruhe, die die Nacht dem anbrechenden Morgen übergeben hat.
Keine Menschenseele außer uns.
Nachdem die Farben mit dem Himmel zu einem immer satter werdenden Blau verschmolzen sind, reden wir, und Georg erklärt mir, wie der Tauchgang verlaufen wird.
Wir brechen auf zur Tauchschule, wo wir uns umziehen und unsere Sachen lassen. Wir müssen ein bisschen mit dem Boot fahren, um zu diesem besonderen Ort zu gelangen – dem Unterwassermuseum.
Wir ankern, checken uns gegenseitig und dann geht es rückwärts über Bord.
Wie lange habe ich mich nach Tauchen gesehnt, nach diesem Geräusch beim Ein- und Ausatmen, nach der Stille des Meeres und diesem seelenverführenden Blau in der Tiefe!
Wir sind allein – ich bin allein mit mir und dem Element und fühle eine tiefe Verbindung. Zum Meer – zu Georg, der es mir tauchend ganz besonders erschlossen hat.
Es ist wie eine Offenbarung – schwebend und leicht wie eine Feder genieße ich, wie die Sonnenstrahlen in die Tiefe wandern und ihre Lichtreflexe über die Skulpturen am Meeresgrund gießen.
Ich liebe das Meer – mit jeder Zelle – es erfüllt mich, macht mich voll, zufrieden, rund.
Das ist eine besondere Art von Glück – ich erlebe es als Reise zu den Ursprüngen, von denen ich mit jedem Tauchgang kosten darf. Es macht mit heil – nie bin ich mir näher als unter Wasser. Ich erlebe eine Verbundenheit, die die Erde mich so nicht spüren lässt. Seelenheimat, Sehnsuchtsort Meer.
Wir streifen durch die Skulpturen, die schon zu einem neuen Lebensraum für die Meeresbewohner geworden sind. Da lugen zwei Sepias hinter dem Boot mit den Flüchtlingen vor und mehrere Barrakudas gleiten durchs Tor.
Ach es ist herrlich – es braucht keine Sprache. Mein Herz ist voll und weit und ich weiß, diese Fülle wird mich durch den ganzen Tag tragen, auch wenn ich nun wieder an die Oberfläche muss.
Die lockt allerdings mit einer gedeckten Tafel in den Bergen, die Freund*innen hergerichtet und mit allerlei Leckereien der Insel bestückt haben. Endlich werden wir wieder gemeinsam genießen, essen und nach Herzenslust zusammen lachen. Und tanzen. Die ganze Nacht.