Zuerst dachte ich: Das ist doch wieder einer dieser Tricks, eine blöde Werbemasche. Die nette Dame am Telefon teilte mir mit, dass ich zu den Glücklichen gehöre, die einen Corona-freien Tag gewonnen haben.
Langsam kam die Nachricht bei mir an, sickerte in mein Hirn und in mein Herz: Juchu, ich bin dabei! Stimmt, ich hatte ja bei diesem Preisrätsel vor ein paar Wochen mitgemacht, hatte das Lösungswort (irgendwas mit C und sechs Buchstaben) auf eine Postkarte geschrieben und ohne große Erwartungen abgeschickt, und die Glücksfee hat mich gezogen, juchu! Das Datum, genial: Samstag, der 20. März 2021, Frühlingsanfang! Ich hab also noch ein paar Tage Zeit zur Vorfreude, zum Planen.
Halt, stopp! Plane bloß nicht zu viel, lass es ruhig angehen. du musst keinen Event-Marathon absolvieren in diesen 24 Stunden. Ein Tag ist ein Tag ist ein Tag.
Wie war das mit dem Apfelbaum? Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Warum fällt mir gerade jetzt dieses Bild ein? Will es mich mahnen, gelassen dem Corona-freien Tag entgegenzugehen? Vielleicht würde ich auch gar nicht so viel Anderes machen, nur das Grundgefühl würde ein anderes sein, ein freieres und offeneres, da bin ich mir sicher.
Wir haben uns so sehr ans Abstand halten, an ständige Vor-Sicht gewöhnt, an ein kurzes Nicken zur Begrüßung oder diesen albernen Ellenbogen-Check. Würde ich es schaffen, den Menschen, die ich treffe, nahe zu sein, ihnen die Hand zu geben oder sie zu umarmen in alter Selbstverständlichkeit? Unsere Umarmungsmuskeln, sind sie nicht inzwischen verkümmert, schlaff vom Nichts-Tun, bei den wenigen Ausnahme-Umarmungen?
Ganz oben auf meiner Nice-to-do-Liste steht der Saunabesuch, ganz klar. Ich schwelge schon in Vorfreude: Aalen in der Hitze, spüren, wie der Schweiß aus den Poren perlt, aufs Handtuch tropft. Eintauchen ins kalte Becken, die Haut anschließend weich und der Körper wohlig entspannt.
Anschließend auf einen Cappuccino in mein Lieblingscafé. Ja, ich werde im warmen Café sitzen, freundlich die Mitarbeiterin anlächeln, an der Kuchentheke die leckerste Torte auswählen, und dies alles auf einem Teller und in einer Tasse serviert bekommen. Dazu eine Zeitung lesen und einfach nur genießen. Schlotternd in der Kälte stehen und Kaffee aus einem Papp-Becher to go schlürfen – passé für einen Tag!
Ich genieße es, den Menschen in die Augen zu schauen, ihr ganzes Gesicht, ihre gesamte Mimik wahrzunehmen. Sie schauen zurück, halten meinem Blick stand. Und sie lächeln.
Ah, auf dem Nachhauseweg noch ein kleiner Abstecher in den netten kleinen Schreibwarenladen, endlich wieder direkt dort stöbern statt im Online-Shop. Neue Stifte brauche ich, dringend. Solche, die ganz schnell übers Papier fliegen, alle schönen Farben sind leergeschrieben. Und neue Hefte, Tagebücher, meine Lieblingsmarken gibt’s genau dort. Und ja, diesen Buntstift im satten Frühlingsgrün, der mir beim Malen in den letzten Wochen immer gefehlt hat…
Später dann, gut gestärkt und bester Dinge geht’s zur Chorprobe. Alle, wirklich alle sind da. Die Fenster bleiben zu, wir schmettern, was das Zeug hält. Wie wunderbar das klingt, gemeinsam weben wir einen Klangteppich, schwelgen in vertrauten Weisen, können aber auch leise und zart. Wir haben es nicht verlernt, harmonieren gut miteinander, umarmen uns innig zum Abschied, glücklich und beseelt.
Abendessen im Gemeinschaftsraum. Eine Mitbewohnerin hat gekocht. Wir quetschen uns um den viel zu kleinen Tisch, Oberarm an Oberarm. Früher hätte mich das genervt. Jetzt ist es einfach nur toll, sich zu spüren, sich nahe zu sein. Und dann: Tische zur Seite, die Kreistanz-Lehrerin kommt. Ich hatte mich schon gut ans Alleine-Tanzen in meiner Stube gewöhnt, angeleitet über Zoom, die Mit-Tänzerinnen auf kleinen Kacheln am Bildschirm, verstreut übers ganze Land. Vereinzelt und dennoch verbunden, irgendwie.
Jetzt fassen wir uns an. Sehen uns im Kreis. Die Musik erklingt, wir bewegen uns, jede für sich und doch ist es ein Gruppenkörper. Dann, ein alter traditioneller Tanz, wir fassen uns in der Vorderen Korbfassung: Dicht stehen wir beieinander, die Hände jeweils vor dem Bauch der Nachbarin, greifen die Hand der übernächsten Frau. Eine sehr enge Tanzform, jahrhundertelang haben Frauen so getanzt (Männer haben eher die Arme über den Schultern, in ihrer Tanztradition). Ein Jahr lang hab ich das nicht gespürt, diese Körpernähe im Tanzkreis, aber nach ein paar Schritten ist die alte Vertrautheit wieder da, mein Körper erinnert sich, die Lebensgeister sind geweckt.
Gegen 23.40 Uhr verlasse ich glücklich-müde die Gruppe, lasse das Lachen und die muntere Runde hinter mir, gehe bewusst und langsam die paar Schritte durch die Nachtluft in meine Wohnung. Die letzten Minuten dieses so kostbaren Tages möchte ich ganz alleine verbringen.
Ich lasse den Tag in mir nachklingen, voller Dankbarkeit und Glückseligkeit. Schlafe ein, ohne Angst vor morgen.
Ja, so könnte er werden, der Frühlings-Anfang 2021. Winter ade!