Katharina, 54, alleine wohnend in Düsseldorf und nah verbunden mit ihren Menschen, Managerin im internationalen Konzern. Schreiben, Menschen begleiten, Blumen und Draußen sein liebend

Die Pandemie frisst eine Freundschaft

Vielleicht endet in diesem fortgesetzten Winterlockdown, der bereits in einen Frühlingslockdown übergeht, eine Freundschaft, die schon seit über 10 Jahren besteht.

Corona richtet aus meiner und aus ihrer Sicht ein Brennglas auf alles, was daraufhin überprüft werden muss, wie es mit den Herausforderungen des Lebens in Zukunft umgehen wird. Vielleicht waren wir sehr überheblich, wenn wir dachten, dass wir selbst nicht in diesem Fokus seien. Sorgt dieser Blick durchs Corona-Brennglas nun dafür, dass sich die Nahtstellen unserer Freundschaft nicht als Verbindung, sondern als löchrige Soll-Riss-Stelle erweisen?

Vielleicht haben wir, trotz aller Einschränkungen, aller ausgefallener Konzerte, mit allen Home-Office-Regelungen bei gleichzeitig gesichertem Einkommen, mit weiterhin gesunder Familie und gesunden Freunden, trotz begrenzter Ausgehmöglichkeiten und ansonsten einem Leben, das grundsätzlich gut ist, immer noch gedacht, Corona betrifft uns nicht. Wir sprechen bloß drüber. Etwas, über das wir kluge Reden führen und das Gegenstand unserer Theorien und Gedankenkonstrukte ist.

Beide haben wir wohl nicht gedacht, dass es uns doch persönlich treffen wird. Bis eine von uns Auffassungen vertritt, der die andere nicht folgen kann und nicht folgen mag. Immer extremer fühlen sich diese Auffassungen an für die, die von außen drauf schaut. Als immer arroganter und abwertender empfindet sie die Haltung gegenüber Andersdenkenden in der radikalen Ansicht.

Ein Text mit heftigen Theorien und der Diskriminierung Andersdenkender wird auf Social Media im Bekanntenkreis veröffentlicht. Auf einmal ist da ein lautes STOP. „Wenn du wirklich zu 100% meinst, was du da veröffentlicht hast, bist du in meinem Leben nicht mehr willkommen.“

„Ja“, sagt sie. „Ich stehe zu 100% dahinter. Ich verstehe nicht, wieso du das persönlich nimmst. Es ist doch nur ein Text. Hinter dem ich zu 100% stehe. Da du mir nun blanken Hass entgegenbringst und mich erpresst, ist unsere Freundschaft wohl zu Ende.“

Frisst also die Pandemie unsere Freundschaft? Oder nutzen wir die Chance, dass diese nun unter dem Corona-Brennglas liegt? Unerwartet. Uns beide schockierend. Schauen wir uns an, ob und wie wir unsere Freundschaft zukünftig gestalten wollen? Was es wirklich heißt, unterschiedlicher Auffassung zu sein und weiter und jetzt erst recht einander mit Respekt zu begegnen? Was sehr viel mehr herausfordernd ist, wenn wir konträr sind, als wenn wir mit der gleichen Welle unterwegs sind.

Gelingt es uns, einander einzugestehen, dass wir manchmal einfach nicht mehr können, auch wenn „es uns eigentlich gut geht“? Können wir ehrlich formulieren, dass es in unser jeder Leben auch Ängste, Sehnsüchte, Sorgen, Unsicherheit, Verständnislosigkeit, Wut gibt, die die andere nicht auflösen kann? Auch nicht auflösen muss. Können wir zulassen, dass wir uns zu allerletzt nicht verstehen?

Vielleicht gelingt es uns anzunehmen, dass ein STOP notwendig sein kann, wenn die eine den Weg der Anderen nicht einmal mehr tolerieren kann. Vielleicht können wir zugeben, dass dieses STOP schmerzhaft wäre oder ist. Ich bin sicher, dass wir einander immer noch sehr schätzen, auch wenn ein STOP zwischen den beiden Polen hin- und her schallen würde.

Und vielleicht verstehen wir, dass wir beide auch nur zwei Frauen sind, die zu 100% versuchen, das Leben auf die jeweils bestmögliche Weise zu leben – zum eigenen Wohl und zum Wohle des Ganzen. Morgen treffen wir uns.