Etwas ist anders…
Etwas ist anders. Ich spüre es schon, als ich aufwache. Ich habe keine Schmerzen. Ich bin nicht so müde wie in den vergangenen Monaten, nein, mit einem Lächeln stehe ich auf, lasse die Bettdecke von mir gleiten, unter der ich mich sonst so gerne noch verkrochen habe, gehe beschwingt zum Fenster, öffne es und atme tief ein. Frische Luft füllt meine Lungen. Die Sonne scheint. Die Vögel singen. Wie immer.
Doch etwas ist anders.
Als ich die Treppe herunterkomme, begrüßt mich mein Mann. „Komm!“, sagt er, „Johanna und Jens haben uns spontan zum Frühstück eingeladen. Ich habe gesagt, wir bringen Brötchen mit.“ Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus, ich spüre, wie ich zu strahlen beginne. „Oh, wie schön!“, rufe ich, „dann lass uns gehen, ich bin schon fertig!“
Auf unseren Rädern sausen wir zum Bäcker. Außer uns scheinen viele andere die gleiche Idee gehabt zu haben, die Schlange ist lang. Eng drängen wir uns auf dem Bürgersteig. Es dauert gar nicht so lang und schon sausen wir mit der Tüte in der Hand weiter.
Johanna und Jens. Lange haben wir die beiden nicht gesehen. Fast hatte ich befürchtet, unser Kontakt wäre eingeschlafen. Umso größer nun die Freude, sie jetzt so überraschend zu treffen. Wir schließen die Räder an den Gartenzaun und betreten das Grundstück. Links und rechts am Weg blühen zarte rosafarbene Rosen und violetter Lavendel. Bienen summen. Es duftet nach Sommer. Wir steigen die Stufen zum Haus hinauf und klingeln. Ich höre eilige Schritte eine Treppe hinunterpoltern. Die Haustür wird aufgerissen. „Maren! Helge! Wie schön, dass ihr da seid!“, ruft uns Johanna entgegen. Ihre Arme sind weit geöffnet, ihre Augen leuchten. Sie umarmt mich fest und ich lasse mich in ihre Umarmung fallen. Wir halten einander, unsere Hände streicheln den Rücken, das Haar. „Johanna, wie schön, dich zu sehen! Danke für die Einladung!“ Johanna öffnet ihre Arme und reicht mich an Jens weiter. Es dauert, bis wir angekommen sind.
Schließlich liegen unsere Brötchen im Korb und wir sitzen auf der Terrasse. Ich atme köstlichen Kaffeduft, den Duft frischer Brötchen, spüre die Sonne auf meinen nackten Armen. Ich schließe meine Augen. Wie von Ferne höre ich die Stimmen von Johanna, Jens und Helge. Sie hüllen mich ein. Ich mag meine Augen gar nicht öffnen. Ganz still sitze ich da. Eine tiefe Wärme erfüllt mich. Ich merke, wie ich lächeln möchte. Dann öffne ich die Augen. Ich sehe die Drei vor mir. Fröhlich, angeregt, unbeschwert ins Gespräch vertieft. Ich bin dankbar, dass sie mir diesen kurzen Moment der Stille gegönnt haben. Nun bin ich ganz da. Ich greife nach dem Brötchenkorb und nehme eines heraus. Kurz atme ich noch einmal den frischen Duft, dann durchschneidet mein Messer das knusprige Brötchen. Ich öffne den Mund, um herzhaft hineinzubeißen…
…ich wache auf. Alles nur ein Traum? Bewegungslos bleibe ich liegen. Schmecke das frische Brötchen auf meinen Lippen, rieche den Kaffeeduft. Ich halte meine Augen geschlossen. Spüre diesem Traum nach. Nein, ich mag ihn noch nicht freigeben. Ich erinnere mich an das tiefe Glücksgefühl und verspreche mir selbst: sobald es wieder möglich sein wird, werden wir Johanna und Jens zum Frühstück einladen!
Dann schiebe ich die Decke zur Seite und stehe auf.