Brigitte aus NRW, 64, alleinlebend, Bibliotheksassistentin im Unruhestand, Reisefan und Hobbyfotografin, die auch gerne schreibt

Ein coronafreier Tag

„Hallo… hallo… aufwachen…“, die leise Stimme an meinem Ohr wird immer lauter. Auf meinem Gesicht spüre ich einen leichten Hauch. Erschrocken schlage ich die Augen auf. Es ist stockdunkel aber im schwachen Licht der Straßenlaterne schaue ich direkt in das lächelnde Gesicht einer kleinen Trollfrau. Ihre großen dunklen Augen verschwinden fast in ihrem wuscheligen Haarschopf. Sie hat eine große Nase und trägt ein grünes Röckchen. Bevor ich meine Sprache wiederfinde, spricht die Trollfrau weiter: „Heute ist coronafrei und mit diesem Gutschein kannst Du 24 Stunden tun und lassen, was Du möchtest ohne irgendwelche Einschränkungen.“ Sie legt mir einen Zettel auf die Bettdecke. „Viel Spaß“, ruft sie mir zu und ist blitzschnell verschwunden.

Was war das denn? Habe ich geträumt? Nein, der Gutschein liegt tatsächlich da. Es ist 6:00 Uhr morgens und ich sitze mit einem Mal hellwach im Bett. Coronafrei? Da schießen mir die Gedanken nur so durch den Kopf: keine Maske, Freunde und Familie treffen, ausgehen, shoppen, Theater, Kino, Museum, ein Essen im Restaurant… Das lässt sich in 24 Stunden gar nicht alles realisieren!

Am frühen Vormittag rufe ich meine Freundin an und verabrede mich zum Frühstück in unserem Lieblingscafè. Wir haben uns lange nicht gesehen und umarmen uns zur Begrüßung herzlich. Bei Kaffee und vielen Köstlichkeiten vom reichlichen Frühstücksbuffet plaudern wir darüber, wie es uns geht und wie wir diese schwierige Zeit bisher überstanden haben. Zum Abschluss trinken wir noch ein Glas Prosecco und stoßen auf bessere Zeiten an. Dann beschließen wir eine gemeinsame Shoppingtour durch die Fußgängerzone. Die neue farbenfrohe Frühjahrsmode inspiriert und verführt uns zu einem umfangreichen Einkauf. Sehr zufrieden mit dem schönen Vormittag verabschieden wir uns dann schweren Herzens wieder voneinander.

Mit den neuen Frühjahrsklamotten im Auto fahre ich dann nach Köln. Dort habe ich mich mit einem befreundeten Ehepaar verabredet. Die Freude auf ein Wiedersehen nach langer Zeit ist sehr groß. Wir treffen uns vor dem Museum Ludwig, das endlich wieder geöffnet ist. Schon lange wünschte ich mir, dort eine Ausstellung zu besuchen und nun ist es endlich soweit. Luisa und Ben winken schon lachend vor dem Museum als ich dort eintreffe. Wir brauchen noch einem Moment zum Quatschen vor der Tür, bevor wir das Museum betreten. Dann schlendern wir gemeinsam durch die Ausstellung, schauen uns die Exponate an und tauschen uns darüber aus. Luisa und Ben sind genauso begeistert wie ich und gemeinsam freuen uns über das Erlebnis.

Draußen scheint derweil die Sonne und ein strahlend blauer Himmel lädt zu einem Spaziergang ein. Zu dritt flanieren wir am Ufer des Rheins entlang, genießen die frische klare und ungefilterte Luft. Warum kann es nicht wieder wie damals sein? Wann werden wir endlich Corona überwunden haben und unser normales Leben wieder leben? Ich verdränge den Gedanken – heute möchte ich darüber nicht weiter nachdenken.

Wir finden am Rheinufer eine gemütliche Confiserie. Im Schaufenster sind köstliche kleine handgefertigte Törtchen ausgestellt und wir beschließen, uns dort niederzulassen – im Garten sind noch Plätze frei, mit Blick auf den Rhein. Wie gut kann es uns doch gehen! Wir klönen über dies und das und die beiden erzählen mir, wie es ihnen im Homeoffice so ergangen ist. Zum Glück muss ich nicht mehr arbeiten – geht es mir dabei durch den Kopf.

Am frühen Abend mache ich mich dann sehr entspannt und fröhlich auf den Heimweg. Für den krönenden Abschluss dieses schönen Tages nehme ich ein festliches Outfit aus meinem Kleiderschrank. Ich habe tatsächlich für mich und meine Familie Eintrittskarten für ein Varietè Theater bekommen. Die heutige Vorstellung war zum Glück noch nicht ausverkauft. Wir treffen uns vor dem Theater. Ganz besonders freut es mich, meine 89jährige Mutter dort zu sehen. Sie ist seit Monaten nicht aus dem Haus gekommen und die Familie war lange nicht mehr so zusammen gekommen. Bei einem kleinen aber feinen Abendessen genießen wir die bunte Vorstellung der Künstlerinnen und Künstler: Jongleure, Artisten, Bauchredner, Clowns… alle haben Spaß und Corona ist weit weg!

Viel zu schnell ist dieser Tag vergangen. Spät abends sitze ich an meinem Küchentisch und trinke vor dem Zubettgehen noch einen Tee. „Na“, höre ich plötzlich die schon bekannte Stimme, „wie war’s denn heute?“ Die kleine Trollfrau steht auf meinem Tisch und schaut mich freundlich an. „Es war einfach wunderbar, ich habe jede Minute genossen“, schwärme ich, „vielen Dank, dass Du mir diesen Tag ermöglicht hast.“ „Gerne, das freut mich“, ruft sie mir zu und ist so unbemerkt wieder verschwunden, wie sie gekommen war.