Ich habe mich gut vorbereitet auf diesen Tag. Viel geschlafen und meine Energiereserven aufgefüllt, damit ich diesen Tag voll auskosten kann. Der Wecker läutet um 3 Uhr früh. Ich fahre nach Wien, um die letzten Stunden bis Lokalschluss noch abzutanzen gemeinsam mit den Freunden, die ich so lange nicht treffen konnte. Wir fallen uns in die Arme. Sie sind betrunken vor Glück. Kein Mensch will heute zu viel Alkohol trinken. Jeder will das Tiefe und Echte erleben mit allen Sinnen. Vielleicht ein, zwei Gläser Sekt für einen kleinen Schwips, aber auf keinen Fall ein Rausch. Wir wollen uns spüren, umarmen, gemeinsam tanzen und lachen. Und das will ich nüchtern erleben, weil es mit dem inneren Glück viel intensiver fühlbar ist. Wir weinen vor Freude und Glück. Lachen, tanzen, weinen. Weinen den Schmerz heraus und die Freude. Es darf alles kommen. Gemeinsam. In der Gruppe.
Um acht Uhr morgens verlassen wir den Club. Die Vögel zwitschern im Park. Wir sind noch ganz verschwitzt vom Tanzen und die Schminke ist zerlaufen von den Freuden- und Erleichterungstränen. Es ist still. Ein warmer Frühlingswind weht uns durch die Haare. Der Tag erwacht. Unsere Eltern kommen soeben mit den kleinen Kindern an. Sie sind nachgekommen. Alle umarmen sich zur Begrüßung. Freunde, Familie, Kinder, Omas und Opas alle treffen im Park zusammen, wo der Griller angeworfen wird, Decken in der Wiese ausgebreitet werden und die Kinder im Rudel über die Fläche jagen und auf Bäume klettern. Irgendjemand macht Musik an. Aus Leichtigkeit und Impuls heraus beginnen wir zu tanzen. Auch Oma und Opa schwingen sich im Takt mit. Es wird gegessen, gelacht, getanzt, gespielt. Wer möchte, wälzt sich mit den Kindern im Gras. Leichtigkeit, wohin man sieht. Es entstehen immer wieder Gespräche, echte tiefe Gespräche und achtsamer Austausch. Jeder darf sein Erleben erzählen und es wird von niemanden angetastet. Es bleibt unberührt und ganz, wenn es ausgesprochen wurde. Manche finden sich im anderen wieder, erkennen wunde Punkte, die vorher noch verschüttet waren, lassen den Schmerz zu, der so gern gesehen werden will. Weinen, ein natürliches, reinigendes Weinen, Lachen, Weinen, Freude, Glück. Alle Emotionen werden rausgelassen in den Himmel hinein und vom Wind mitgetragen. Wir erleichtern uns. Hin und wieder schreit jemand vor Glück -ein Jauchzen, ein Jodeln, ein Frühlingsschrei. Wir feiern den ganzen Tag. Immer wieder umarmen wir uns, spielen ausgelassen mit den Kindern, tanzen, lachen, reden, weinen. Alles darf. Alles will raus. Gemeinsam.
Wir sind so eine große Gruppe. Freunde mit ihren Familien, Kindern, Großeltern. Niemanden interessieren rationale, analytische Diskussionen. Niemand will heute über Meinungen reden. Das wäre eine Verschwendung für diesen kostbaren Tag. Keine Meinungen, kein Fachsimpeln, kein Recht haben, kein Vergleichen, keine Zukunfts- Möglichkeiten erörtern. Heute werden Gefühle ausgelebt und ausgesprochen. Jeder darf sagen, was ihn bewegt, belastet, berührt. Und mit dem Gesagten wird nichts gemacht, außer in Resonanz gegangen. Als Impuls verwendet für das eigene Sagen.
Gemeinsam sind wir frei. Niemand engt ein. Jeder ist frei und doch so tief verbunden in der Gemeinschaft.
Nähe, Tiefe und Zärtlichkeit im Miteinander werden möglich. Liebevolle Kommunikation wird sogar dort möglich, wo man Jahrzehnte seinen Schutzpanzer aufgezogen hat und entweder in Deckung oder in Angriff gegangen ist. Jeder hat sein Ego abgelegt und strahlt von innen heraus mit Liebe. Wir lassen uns innerlich berühren vom anderen. Wir fühlen so viel. Corona war nötig. Danke Corona für dieses Geschenk. Endlich sind wir angekommen in dem Leben, so wie es gemeint war für uns. Wir haben es jetzt begriffen. Jetzt kann ich endlich loslassen und zur Ruhe kommen.
Es dämmert langsam und wird Abend. Es ist ein lauer Abend. In der Gruppe wird es ruhig. Wir sitzen zusammen und schauen schweigend in den dunklen Himmel, lauschen den Grillen und der Stille. Sind tief berührt in unseren Herzen und glückselig.
Jetzt wird alles gut.