Lupa, 63 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder , aber eine süße Nichte, wohnt in einer Großstadt in Italien und arbeitet als freiberufliche DAF Lehrerin in der Erwachsenenbildung, webt gerne in ihrer Freizeit

Ein Tag ohne Corona

Morgen ist coronafrei. So wie früher hitzefrei. Da standen wir SchülerInnen  vor dem Thermometer auf dem Pausenhof und verfolgten konzentriert das Strichchen, das in der prallen Sonne immer weiter nach oben rückte, bis über die Hitzefreischwelle hinaus. Vor Freude liefen wir dann ins Klassenzimmer, holten unsere Sachen  und schlenderten langsam und zufrieden nach Hause.

So stelle ich mir coronafrei auch irgendwie vor: Die Menschen stehen versammelt (natürlich mit Mundschutz)  vor einem Art Thermometer, das anzeigt, wie hoch oder niedrig der Index gerade liegt. Liegt er niedrig, dann bekommen am nächsten Tag 3 Personen coronafrei. Die Glücklichen werden ausgelost. Bei der Verlosung darf man  nur einmal mitmachen.  Wer gewinnt, dem wird das Virus einen Tag lang nichts anhaben können. Ein Tag Verschnaufpause.

Ich höre meinen Namen. Und kann es nicht gleich fassen.

Wie in fiebriger Trance  packe ich eilig ein paar Sachen zusammen und gehe ins Bett, denn um Mitternacht geht es schon los. Drei Wecker stelle ich mir,  keine Sekunde der coronafreien Zeit will ich verpassen, aber ich bin hellwach und starre auf den Wecker. Er lässt sich nicht hypnotisieren. Pünktlich um Mitternacht hüpfe ich aus dem Bett, ziehe mich blitzeschnell an, das bestellte Taxi wartet schon vor der Tür und fährt mich zum Flughafen. Ich nehme den ersten Flug nach Frankfurt. Dort warten schon freudestrahlend meine Schwester und Nichte auf mich. Luna, die Hündin hüpft wie verrückt an mir hoch und wäscht mein Gesicht. Meine Nichte klammert sich an mich wie ein verspieltes Äffchen und will mich gar nicht mehr loslassen. Meiner Schwester stehen Tränen in den Augen. Wie lange man sich nicht gesehen hat.

So  lange.

Zu lange.