Christine, 62, Stuttgart, verheiratet, 2 erwachsene Kinder, freie Mitarbeiterin in einem PR-Büro

Grüß mir den Himmel

Liebe Tante Roni!

Vor neun Tagen habe ich an dich gedacht. Mit ein bisschen Wehmut, mit einem leisen Lächeln, und mit einer Portion Erleichterung. Dein Todestag hat sich gejährt, zum achten Mal.

Was ist alles passiert in diesen acht Jahren! Schönes und Verrücktes, Trauriges und Lustiges. Ja, Lustiges, das wäre das, womit ich dich am ehesten ans himmlische Fenster locken könnte und dich dazu bringen, einen Blick hier herunter zu riskieren. Denn dass sie dich in den Himmel geholt haben, daran gibt es keinen Zweifel. Dort oben brauchen sie dich! Eine, die fröhlich pfeifend über die Wolken spaziert. So, wie du damals die langen Gänge deines Altersheims zum Klingen gebracht hast.

Als ich letzte Woche im Kalender entdeckte: „Todestag Tante Roni“, da war mein erster Gedanke: „Wie gut, dass meiner dementen Tante dieses Corona erspart geblieben ist! Ja, es wäre angesichts deiner Erkrankung sicherlich sehr schwierig geworden. Als einzige vertraute Bezugsperson hätte ich meine Besuche bei dir einstellen müssen. Unvorstellbar, was das für dich bedeutet hätte.

Hätte, würde, könnte, wäre … Du bist nun in Sicherheit, ich brauche mir keine Sorgen mehr um dich zu machen.

Hätte, würde, könnte, wäre – eine Inflation der Konjunktive. Die ist zurzeit allgegenwärtig. Jede Nachrichtensendung, jeder Zeitungsartikel, jedes Gespräch über Corona ist gespickt mit diesen Vielleicht-heiten. Diesem Nichtwissen, Vermuten, Spekulieren.

Ich habe darauf keine Lust mehr. Viel lieber erinnere ich mich an dich. Daran, wie du mit deinen beiden Beinen – immer in „schicken Schühchen“, wie du sie nanntest – fest auf dem Boden der Tatsachen unterwegs warst. Dein stabiler Glaube gab diesem Boden zusätzliche Trittsicherheit. Dazu deine schwarze Handtasche mit dem goldenen Klick-Verschluss. „Da ist mein Leben drin“, betontest du angesichts Schlüssel, Geldbeutel und Lippenstift. Doch das wichtigste Utensil, das du immer bei dir getragen hast, war dein Humor! Dein Hang zu Kraftausdrücken hat mich schon als Kind verzaubert, und dein ansteckendes lautes Lachen höre ich heute noch. Das waren deine Markenzeichen, liebe Tante Roni, und sie ließen deine spätere Krankheit und frühere schwierige Lebensphasen zur Seite rücken und verblassen.

Und nun lande ich doch wieder bei „hätte“ und „würde“ … Wenn du noch da wärest, Tante Roni, frisch und gesund, wie würdest du wohl mit Corona umgehen? Wie hättest du mit deiner Fröhlichkeit auf diese Zeit geschaut?

Sicher hättest du, wie immer, dich und die Einschränkungen deines eigenen Lebens nicht zu ernst genommen. Vielleicht hättest du mir mit einem Grinsen erzählt, dass du nun endlich nicht mehr jeden Dienstag beim Singen die schrille Stimme von Frau Maier hören musst. Oder du hättest mir erklärt, dass manche Leute doch besser auch nach Corona mit einer Maske herumlaufen sollten: „dann ersparen sie den anderen den Blick in ein Miesepetergesicht.“ Vielleicht würdest du auch die Nachrichten kommentieren: „Jaja, der Politiker denkt, aber Gott lenkt!“

Eins weiß ich sicher: Die Sorgen derer, die dir nahestehen, die würdest du ernst nehmen, wie du es immer getan hast. „Nimm es nicht so schwer, Christinchen“, höre ich deine liebevolle Stimme, „es kommen auch wieder andere Zeiten, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ Und dann sagst du deinen Lieblingssatz: „Wer weiß, wofür es gut ist!“

Danke, liebe Tante Roni! Grüß mir den Himmel und fühl dich gedrückt von

Deinem „Christinchen“